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Reisereflexionen

 

Die Gauchos von Buenos Aires oder die Gefahr der Verallgemeinerung

„Dispo für die Gauchos“ titelte die ZEIT als ich im Mai dieses Jahres das erste Mal nach Buenos Aires kam. Nun möchte ich mich weder über die Finanzpolitik Argentiniens und die aktuell desaströse Entwicklung des Pesos auslassen noch ein Urteil über den Artikel fällen, der die komplexe Situation differenziert zusammengefasst hat. Sondern ich möchte beim Titel bleiben. Denn dem fehlt die Differenziertheit des restlichen Textes gänzlich.

Gauchos sind die Cowboys Argentiniens, in Pumphosen und mit Baskenmütze reiten sie durch die Steppe, über Berge und passieren Flüsse, um Kuhherden von einer Weide zur anderen zu treiben. Ja, sie gibt es und ich habe bei meinen Wanderungen in den Anden genügend gesehen.

Aber die Realität ist: Mehr als 9 von 10 Argentinier*innen leben in der Stadt (Zensus 2010). Und um das Ganze in Perspektive zu setzen: In Deutschland sind es nur rund 74 Prozent (Statista ebenfalls für das Jahr 2010).

Zu suggerieren, der IWF solle einen Kredit an ein Land voller argentinischer Cowboys vergeben, ist nicht nur unangemessen, sondern lässt Bilder im Kopf der Lesenden entstehen, die Stereotype verstärken. Im Großraum der Hauptstadt Buenos Aires leben fast ein Drittel der Argentinier*innen. Einen Porteño (so heißen die Menschen, die in der Hauptstadt wohnen) mit einem Gaucho gleichzusetzen, ist in etwa so, wie einen Frankfurter Banker mit einem Allgäuer Milchbauern in einen Topf zu werfen. Genauer gesagt: Den Banker in den Milchtopf des Bauern.

Wenn mich meine Freunde in Buenos Aires fragen, welches Bild die Deutschen von Argentinien haben, fällt mir eine Antwort meist schwer. Findet nicht gerade eine Weltmeisterschaft statt, ist das Interesse an Südamerika meist auf Krisenherde beschränkt wie aktuell das traurige Beispiel Venezuela. „Messi“, „Rindersteaks“, „Gefahr“ sind die einzigen drei Schlagworte, die für mich vor meiner Reise für Argentinien existierten. Und damit stehe ich sicherlich nicht alleine da.

Aus diesem Grund sind für mich überspitze Titel wie der „Dispo für die Gauchos“ Gift, weil sie ein Land, das medial in Deutschland wenig präsent ist, auf eine kleine Minderheit reduzieren. Und dadurch in den Gehirnen der Lesenden Bilder entstehen lassen, die mit der Realität wenig bis nichts zu tun haben. Das mag im Einzelfall nicht wie ein Drama erscheinen, sondern wie eine vernachlässigbare Übertreibung. In der Summe aber führt es bei Menschen, die keine eigenen Besuche zum Realitätscheck haben, zu falschen Vorstellungen. Die wiederum ein Weltbild zur Folge haben, das mit Europa im Mittelpunkt die „unwichtigen“ Länder und Kontinente immer mehr in die Peripherie drängt. Ein Weltbild, in dem Argentinien nur von Gauchos bevölkert wird und in der Stadt lebende Akademiker*innen nicht existieren.

Lesetipp: Mein Lieblingsbuch zum Thema* wie Journalismus über andere Länder unser Weltbild prägt, stammt von Charlotte Wiedemann. Ich habe es mehrfach gelesen und verschenkt und kann es uneingeschränkt empfehlen, wenn dich das Thema interessiert!

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