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Uruguay – ein erster Eindruck

Die knapprote Jacke der Free Walking Tours bis zum Kinn zugeknöpft, die graue Mütze über die Ohren gezogen – der junge Uruguayer, der uns durch Montevideo führen wird, begrüßt uns enthusiastisch. Trotz winterlicher Temperaturen und obwohl neben mir nur ein weiteres Mädel aufgetaucht ist. Natürlich werde er die Tour auch mit zwei Personen durchführen, sagt Max. Neben mir steht, einen Wollschal mehrfach um den Hals geschlungen, eine 19-jährige New Yorkerin, die gerade ein Auslandssemester in Chile verbracht hat. Wir befinden uns auf dem Plaza Independencia (zu Deutsch: Platz der Unabhängigkeit) in Montevideo, der gleichsam von beeindruckenden Gebäuden wie dem Salvo-Palast umfasst wird wie von neueren und weniger ansehnlichen mehrstöckigen Klotzbauten. Gemeinsam werden wir gut zwei Stunden die Stadt erkunden.

Montevideo ist die Hauptstadt von Uruguay. Hier leben über 1,3 der nahezu dreieinhalb Millionen Uruguayer. Das ganze Land hat eine Fläche, die knapp halb so groß wie Deutschland ist. Auf eine Einwohner*in kommen rund vier Kühe, erklärt uns Max. Kein Wunder, dass Viehwirtschaft der wichtigste wirtschaftliche Faktor ist.

Montevideo

 

Kühe bekommen wir allerdings nicht zu Gesicht, dafür das Teatro Solis. Ihr solltet unbedingt ein Theaterstück anschauen, empfiehlt uns Max und versichert uns: Es ist billig! Das stimmt, denn das Ticket, das ich mir für den nächsten Abend reserviere, kostet nur 5 Euro und ein Platz in einer der vordersten Reihen verspricht eine gute Aussicht auf das Spektakel. Max deutet auf ein weißes Altbauhaus, das nur einen Steinwurf vom Theater entfernt ist und verrät uns stolz, dass er in diesem wohnt.

Aber zurück zu Uruguay: Gleichgeschlechtliche Ehe legal, Abtreibung legal, Cannabis legal, so fasst Max die liberale Politik Uruguays zusammen. Es ist lustig, sagt er zu uns, aber obwohl Homosexualität hier allgemein akzeptiert ist, sieht man kaum schwule und lesbische Pärchen. Bei der Abtreibung gibt es noch einen kleinen Haken: Die muss selbst bezahlt werden. Und wo kann man Marihuana kaufen? Na klar, in der Apotheke. 5,50 Euro kostet ein 5-Gramm-Päckchen, zwei davon kann man im Monat kaufen. Damit keiner schummelt, wird registriert, wer kauft. So weiß die Regierung genau, wer Cannabis konsumiert. Für Max kein Problem, denn er raucht nicht.

 

Rauchen hilft auch nicht gerade beim Fußballspielen und das wiederum ist eine Aktivität nach Max Geschmack. Das trifft auf so ziemlich alle Uruguayer zu. Und auf die Uruguayerinnen ebenso. Uruguay hat bereits zwei Mal die Weltmeisterschaft gewonnen, unter anderem die erste Weltmeisterschaft überhaupt (1930) – und das auch noch wo? Genau, in Uruguay! Damit nimmt das kleine Land zusammen mit Argentinien den vierten Platz in der ewigen Tabelle ein. Und das trotz der geringen Einwohnerzahl. Ein Grund dafür könnte das sogenannte Baby Fútbol sein. Wer sich nun wie ich kleine uruguayische Babys vorstellt, die im Strampler und auf allen Vieren einen Fußball über das Gras rollen, den muss ich enttäuschen: 6 bis 13 Jahre ist die Altersgruppe beim Babyfußball. Dieses Jahr (2018) findet übrigens die U-17 Weltmeisterschaft der Frauen in Uruguay statt.

Schweren Herzens trennt sich Max vom Thema Fußball, denn nun verlassen wir die Altstadt und laufen zum Ufer des Flusses. Max erklärt uns, dass die Touris in Montevideo oft fälschlicherweise annehmen, dass es sich um den Atlantik handeln würde. Dieser Fehler ist zu verzeihen, denn der Río de la Plata ist der breiteste Fluss der Welt. Argentinien liegt zwar „nur“ auf der anderen Flussseite. Aber die ist an der breitesten Stelle des Flusses mal eben 220 Kilometer entfernt. Wo der Fluss endet und der atlantische Ozean beginnt, lässt sich übrigens leicht feststellen: das lehmig-braune Flusswasser weicht dem frischen Blau des Meeres.

Wir biegen in eine Straße ab, in der das warme Sonnenlicht sanft über die bunten Früchte eines Obstladens streicht. Ich ärgere mich, dass ich meine Spiegelreflexkamera in Argentinien zurückgelassen habe. Der Grund dafür kommt mir nun gleichermaßen ignorant wie dumm vor: Uruguay gehörte laut dem Institut for Economics and Peace 2017 zu den fünf sichersten und friedlichsten Ländern weltweit. Auch dieses Jahr (2018) hat es das Land wieder auf Platz 2 der sichersten Länder in Südamerika geschafft – wie gehabt eingerahmt von Chile auf Platz 1 und Argentinien auf Platz 3. So muss eben das Handy für einen Schnappschuss herhalten.

Das werde ich später an einer Steckdose im Hostel laden, für die ich praktischerweise keinen Adapter benötige. Und noch viel besser: Aus der mit ziemlicher Sicherheit Strom aus erneuerbaren Quellen fließt. 2015 waren sage und schreibe 95 Prozent (!) der Energie regenerativ und sind etwa durch Wind, Wasser oder Biomasse erzeugt worden.

Genügend Wind scheint es zu geben, zumindest pfeift er uns an diesem kalten Wintertag im Juni gehörig um die Ohren. Da kommt es ganz gelegen, dass Max seine Tour im Mercado del Puerto mit dem Tipp beendet, noch eine Flasche „Média y Média“ zu genießen. Die New Yorkerin und ich bedanken uns bei ihm für die Tour mit einem Trinkgeld. Und sagen dann mit der süßen Mischung aus Wein und Sekt „Zum Wohl“ auf Uruguay, seine progressive Politik und seine sonnigen Wintertage. Und den Fußball, perdoname!

 

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