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Die Herrschaft der Hunde

Bereits als ich im Nationalpark Lanín ankomme, werde ich von einem Hund begrüßt. Ich sitze am Ufer eines Sees, meinen Wanderrucksack neben mir im Gras und esse gerade zu Mittag, als er angetrottet kommt und sich neben mir niederlässt. Es ist ein mittelgroßer, braunweißgefleckter Mischling, der mich interessiert, aber unaufdringlich mustert. Ich spreche freundlich mit ihm, um ihm zu signalisieren, dass ich ihm wohlgesonnen bin. Da wusste ich noch nicht, wie wichtig diese erste Begegnung sein würde und dass ich mit meiner Freundlichkeit den Grundstein für die Aufnahme ins Schutzprogramm geschafft hatte.

Einige Tage zuvor hat mich ein Hund gebissen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Da ich vier Jacken anhatte, gab es zum Glück nur einen kleinen blauen Fleck. Aber hier gleich klarzustellen, dass ich Freundin, nicht Feindin bin, erschien mir dennoch sinnvoller.

Fünf Stunden später: Ich habe mein Zelt auf einem verlassenen Campingplatz am Seeufer mit grandioser Aussicht auf die herumliegenden Berge der Anden aufgebaut. Plötzlich sehe ich, wie ein Hund nur zehn Meter entfernt von mir sitzt und mich anschaut. Er ist etwas größer als der Geselle am Nachmittag mit milchig-beigem Fell. Als ich mich einmal kurz abwende, ist er verschwunden – ich sehe ihn nirgendwo mehr.

Im Zelt liegend – es ist noch nicht ganz dunkel – höre ich ein Tier herumschnüffeln. Durch das Plastikfensterchen im Eingang beobachte ich den Hund von heute Nachmittag, der meinen Zeltplatz erkundet.

Am nächsten Morgen stehe früh auf und begebe mich noch im Morgengrauen zum Beginn des Wanderweges. Während ich auf der autolosen Hauptstraße aus Schotter laufe, höre ich in einem nahegelegenen Hof – es ist das Polizeigebäude – die Hunde bellen, die ich wohl aufgeschreckt habe. Da kommen sie auch schon auf mich zugestürmt und nach dem Vorfall vor einigen Tagen, hoffe ich mal das Beste. Einer der dreien – ein größerer, schwarzer Hund – bleibt direkt zurück. Aber die anderen beiden springen an mir hoch, was ich unangenehm finde und hochnäsig ignoriere. Dann erst erkenne ich: Es sind die zwei Kumpanen von gestern.

Noch zwei Kilometer sind es bis zum Informationszentrum, wo ich mich für die Wanderung registrieren muss. Die Hunde bleiben immer in meiner Nähe, auch als ich eine halbe Stunde warten muss, da das Zentrum noch gar nicht offen ist. Eigentlich sind Hunde auf dem Wanderweg nicht erlaubt, deshalb frage ich bei der Dame im Informationszentrum nach, was ich mit den beiden machen soll. Nichts, sagt sie schulterzuckend. Insgeheim denkt sie wahrscheinlich: Du wirst es schon noch herausfinden…

Chicito

 

Also passiere ich kurz darauf mit den beiden Hunden das Schild „Hunde verboten”. Der kleinere der beiden, ich nennen ihn Chicito, ist besonders energiegeladen. Ständig prescht er vorwärts, springt über Büsche, kommt wieder zurück und fordert den größeren Hund zum Spielen auf. Diesen taufe ich Admiral, weil er etwas statthafter und reifer ist. Manchmal bleibt er bei einer Blume stehen und schnüffelt versonnen an ihr, so dass ich fast über ihn stolpere.

Zu Beginn ist der Wanderpfad noch gut ausgeschildert und leicht zu erkennen. Dann stoßen wir auf die ersten Schneefelder. Sehr zur Freude der Hunde. Admiral bohrt seine Schnauze in den Schnee und gönnt sich erst mal eine Portion der kalten Köstlichkeit. Währenddessen tobt Chicito durch die Schneemassen und rollt sich mit dem Rücken darin. Für mich wird der Weg nun allerdings deutlich anspruchsvoller. Mit meinen tropengeeigneten Turnschuhen bin ich nicht unbedingt für eine Schneewanderung ausgestattet. Nach den ersten drei Schritten sind meine Füße nass.

Ein weiteres Problem ist, dass ich über ein Geröllfeld laufen muss und die Markierungen des Wanderwegs auf den Felsen wegen des Schnees nicht mehr erkennbar sind. Die grobe Richtung ist allerdings recht logisch und so folge ich den beiden Hunden, deren Pfotenabdrücke im inzwischen kniehohen Schnee die einzigen sichtbaren Spuren sind.

Irgendwann taucht wieder ein Schild des Wanderwegs an einem Baum auf und so weiß ich zumindest, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Nun beginnt der letzte Aufstieg und ab jetzt wird es richtig schwierig, denn es geht in einem Waldstück steil bergauf. Die Hunde haben sich inzwischen aufgeteilt, einer bleibt immer hinter mir und wartet mit mir, wenn ich stehenbleibe, um mich auszuruhen. Der andere geht vor und versucht den Wanderweg auszumachen.

Mir ist inzwischen klar, dass die beiden sicher nicht zum ersten Mal hier sind. Und dass sie mich nicht zufällig begleiten. Da kommt mir ein verwegener Gedanke: Was, wenn dieses ganze Gebiet eigentlich von Hunden regiert wird? Wenn sie über Recht und Ordnung entscheiden? Wenn ich es mir recht überlege, habe ich auf dem Hof der Polizei bisher nur Hunde gesehen. Und einen Mann, der im Garten stand. Unbeweglich. Es sah eher so aus, als ob er für die Hunde arbeiten würde als umgekehrt.

Gemeinsam mit den beiden Hunden komme ich schließlich oben an und genieße die wunderschöne Aussicht der Südseite auf den Vulkan Lanín. Ich habe einen Fleck Erde unter einem Baum gefunden, so dass ich nicht in einer hohen Schneewehe stehen muss. Die beiden Hunde legen sich sofort zu meinen Füssen nieder und fressen dankbar das trockene Toastbrot, das ich mit ihnen teile.

Vulkan Lanín

 

Auf dem Rückweg, der bergab durch den Tiefschnee ebenfalls nicht gerade ohne ist, begegnen wir kurz vor dem Geröllfeld zwei Wanderern, die ersten Personen, die ich neben der Frau im Informationszentrum heute sehe. Sie haben ebenfalls einen Hund dabei. Ob der ihnen gehöre, frage ich neugierig nach, auf der Suche nach Bestätigung für meine Theorie. Die kommt prompt: Nein, der Hund habe sich ihnen zu Beginn der Wanderung angeschlossen.

Chicito beschließt, dass ich ab jetzt mit Admiral alleine zurückgehen kann und bleibt bei der anderen Gruppe. Einer muss ja schließlich von hinten absichern, richtig? Admiral bleibt noch bis kurz vor dem Campingplatz bei mir und verabschiedet sich dann wortlos, Job erledigt.

Admiral

 

Nachts fühle ich mich unwohl im Zelt. Der Mann, dem der Campingplatz gehört, ist inzwischen aufgetaucht, aber das trägt nicht dazu bei, dass ich mich sicherer fühle, ich Gegenteil. Da höre ich ein Winseln. Ich luge durchs Plastikfensterchen und sehe Admiral, der vor meinem Zelt Stellung bezieht. Alle halbe Stunde fängt er an zu Knurren und zu Bellen. Irgendwann ist er verschwunden.

Zwei Wochen später erzählt mir eine Belgierin, die ich beim Wandern kennenlerne, dass sie mit einer Freundin zusammen unterwegs war. Die lief allerdings langsamer, weshalb sie sich trennten und an einem Wildcampingplatz wiedertreffen wollten. Dort war niemand außer der Belgierin, die sich immer mehr Sorgen machten, weil ihre Freundin auch nach Einbruch der Dunkelheit noch nicht da war. Nachts kam sie dann an. Sie hatte einen anderen Wanderer getroffen und sich mit diesem im Wald verirrt. Irgendwann kam ein Hund, gabelte sie mitten im Wald auf und zeigte ihnen den Weg zum Campingplatz.

Ich habe nach der zweiten unruhigen Nacht im Zelt übrigens beschlossen, dass es mit dem alleine Zelten erst einmal reicht. Am nächsten Tag lernte ich zwei Argentinier kennen, die für die nächsten Wochen meinen Geleitschutz bieten sollten. Ich war wenig überrascht, als sie mir ein Foto von ihrer Wanderung zum Vulkan Lanín zeigen und ich darauf Chicito wiedererkenne.

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