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Gefangen auf der Fischfarm

Wie es kam, dass ich vier Tage in den Tiefen der patagonischen Fjorde gestrandet war

 

Stell dir Meer vor, umgeben von Bergen. Bergen, über deren Kuppen sanft weiße Gletscher hängen, die bis ans Wasser reichen. Herumtreibende Eisschollen. Ein Labyrinth aus Inseln. Noch mehr Gletscher. Noch mehr Wasser. Noch mehr Berge.

Kein Menschenleben in Sicht. Genauer gesagt: kaum ein Leben in Sicht. Nur ab und an wie aus dem Nirgendwo eine Ente.

Dafür umso mehr Bewegung. Schaumkronen auf dem Wasser. Weiße Gischt, die gegen das felsige Ufer schlägt. Und kalter Wind, der einem um die Ohren pfeift. Eiskalter Wind. Wasserfälle, die senkrecht in die Tiefe stürzen und frisches Gletscherwasser führen.

Und dann, nach viel Nichts, ein Haus auf dem Wasser, das in der Dämmerung leuchtet. Daneben grünliches Licht, von Netzen umspannt. Meterlange Bojen, die in den Wellen auf- und abtanzen.

Aber von vorne. Von vorne.

Vorgeschichte

Wenn du kein Fan von Vorspiel bist, dann scrolle direkt weiter zum Tag 1. Ich für meinen Teil, erzähle leidenschaftlich gerne Geschichten. Deshalb erlaube ich es mir, ein wenig vor dem Anfang anzufangen.

Seit knapp drei Monaten bin ich nun in Punta Arenas, der südlichsten Stadt im chilenischen Patagonien. Alles, was danach kommt, ist eher dörflich. Viel kommt auch nicht mehr. Vor allem Inseln und Wasser.

Ich wohne hier bei einem Freund. Der wiederum hat einen Freund, welcher Bootstouren anbietet. Der Freund meines Freunds war ab und zu bei uns zu Besuch – einmal erschrak ich mich, weil ich spätabends zurückkam und er auf dem Sofa schlief. Aber wir hatten bei diesen Gelegenheiten kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Das Angebot

Daraus schloss ich, dass er mich nicht besonders mochte. Logisch, oder? Als er mal wieder da war, fasste ich mir ein Herz, ging zu ihm, stellte mich endlich einmal vor und wir kamen ins Gespräch. Mein Eindruck hatte mich getrogen. Bei der Verabschiedung meinte Fernando – so hieß er –, dass ich mich melden sollte, wenn ich mal mit auf seinem Boot fahren wollte. Unser gemeinsamer Freund könnte mir seine Nummer geben.

Zeitsprung einige Wochen in die Zukunft. Meine Zeit in Punta Arenas näherte sich dem Ende. Wenn ich auf dem Bötchen mitfahren wollte, dann war jetzt die letzte Gelegenheit. Prompt hörte ich meinen Lieblingspodcast (und zwar diese Folge) und in dem ging es darum, öfter mal Ja zu sagen.

Ich sage „Ja“

„Genau“, dachte ich, „so isses“. Und sage innerlich „Ja“ zu dem Angebot von Fernando. In der Hoffnung, dass er sich noch daran erinnerte. Ich ließ mir seine Nummer geben. Schickte eine WhatsApp-Nachricht. Und fragte unverbindlich nach, ob es in der nächsten Woche eine Bootsfahrt geben würde. Einen halben Tag später kam die Antwort. Ja, es wäre gerade sehr viel los, er würde sich am nächsten Tag noch mal melden.

Freitagabend. Ich bekam eine Nachricht, ob ich morgen Zeit hätte. Das Wetter wäre schlecht, sehr schlecht. Und kalt. Sehr kalt. Aber der Ort schön und es gäbe viel zu tun und er bräuchte eine Assistent*in. Ein weiterer Freund, der auch mitfahren würde, könnte mich morgens abholen kommen. Früh. Sehr früh. Ich sollte ihn am besten anrufen und alles absprechen.

Puh. Ganz schön spontan. Aber ich hatte ja schon „Ja“ gesagt. Telefonieren auf Spanisch gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Also ließ ich mir zwar die Nummer von Ignacio geben, dem Freund des Freundes meines Freundes. Schickte dann aber lieber eine WhatsApp-Nachricht. Mit dem Erfolg, dass Ignacio mir schrieb, wir sollten am besten telefonieren. Argh.

Am nächsten Tag um 6 Uhr sollte es losgehen

Eine Freundin, die neben mir stand, meinte, ich sollte mich nicht so anstellen. „Die hat leicht reden“, dachte ich mir, „sie ist ja auch Chilenin.“ Aber ich hatte eh keine Wahl und wählte deshalb brav die Nummer. Ignacio sprach entweder von Natur aus langsamer als die Durchschnitts-Chilen*in oder er hatte ein Herz für Ausländerinnen. Jedenfalls konnte ich ihn überraschend gut verstehen und wir machten ab, dass er mich am nächsten Tag um 6 Uhr morgens abholt.

Wo es eigentlich hingegen sollte, hatte ich allerdings immer noch nicht so richtig verstanden. Mit was für einem Boot wir fuhren, genauso wenig. Ich hoffte auf ein Segelboot, denn ich wusste, dass Fernando eines besaß.

Jetzt musste ich aber erst mal packen. Einen Schlafsack sollte ich mitnehmen. Soviel wusste ich. Meine Gummistiefel wären gut, meinte der Freund, bei dem ich wohne. Mein Schlafsack nahm den halben Rucksack ein, den Rest füllte ich mit Kleidung auf.

Mein Rucksack sah aus als wollte ich zwei Wochen verreisen

Minihandtuch, Deo, Haarbürste, Zahnbürste und -pasta. Halstabletten, denn ich hatte schon seit zwei Wochen Halskratzen. Eine Packung Spargelsuppe für den Notfall. Ein Snickers (mit Mandeln – endlich eine gute Erfindung! Gibt es das in Deutschland inzwischen auch?). Und noch ein paar weitere Kleinigkeiten und schon war der Rucksack knallvoll und sah aus, als plante ich eine Zweiwochentour. Mindestens.

Als ich in den Endzügen meiner Packorgie war, fragte mich mein Mitbewohner, ob ich nicht mit ihm und ein paar weiteren Freunden ein paar Bier trinken wollte. Klaro, war ja auch Freitagabend. Ich lehnte dankend ab mit dem Hinweis, dass ich sehr früh aufstehen müsste.

Tag 1: Wir stecken fest

Um viertel nach fünf klingelt mein Wecker. Ich wollte wissen, ob mein Mitbewohner schon zurück war oder ob ich Lärm in der Küche machen könnte und schaute schlaftrunken aus dem Fenster.

Dort stand sein Landrover. Mit brennendem Licht. „Na gut“, dachte ich, „dann wird er gleich ins Haus stolpern und gut ist“. Kurz darauf hörte ich Stimmen. Die meines Freundes. Und eine weibliche. „Gut“, dachte ich wieder, „dann werden sie gleich zu zweit in seinem Zimmer verschwinden und gut ist“. Dann höre ich noch eine dritte Stimme. Männlich. „Mist“, denke ich. Einen Dreier traute ich dem Freund nicht zu und so sprach alles für eine Afterparty. Bei uns in der Küche.

Nun habe ich nach dem Aufwachen immer am liebsten ein Weilchen meine Ruhe. Vor allem wenn das Aufwachen drei bis vier Stunden passiert, bevor ich bereit dazu bin. Konversationen mit betrunkenen Mitbewohnern plus Freund*innen gehören um halb sechs Uhr morgens nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung.

Afterparty zum Frühstück

Aber irgendwann half nichts mehr. Denn ich wache auch um fünf Uhr morgens hungrig auf. In der Küche wurde ich jubelnd empfangen. „Piscola, Bier, Wein?“ wurde mir angeboten. Nein Danke. Müsli mit Joghurt und ein Kaffee genügen mir. Das Mädel, das ich heute zum ersten Mal sah, begrüßte mich freundlich auf Deutsch. Und hatte mir eine Nachricht auf der Tafel in der Küche hinterlassen, die sie mir stolz zeigte: „Viel Glück in deine Reise!“ Steht dort mit schwarzem Marker geschrieben.

 

„Es heißt ‚Viel Glück auf deiner Reise’“ grummelte ich und bereute es dann sofort. So oft mich die Chilenen auch wegen meines Akzents auslachten, so großzügig sahen sie doch über meine Verschandelung der spanischen Grammatik hinweg und versuchten auch meine zusammengestammeltsten Sätze zu verstehen. Aber sie nahm es mir nicht übel und strich fröhlich das „in“ durch und ein „auf“ darüber.

5.59 Uhr bekam ich eine Nachricht von Ignacio: „Ich fahre jetzt los“. Eine Viertelstunde später war er da. Mit einem riesigen und komfortablen Geländewagen mit Allradantrieb. Mit Sitzheizung. Ich lehnte mich dankbar zurück. Im Stockdunklen ging erst mal Richtung Norden. Ich hatte mit Süden gerechnet und fragte gespannt, wo wir hinfahren würden.

Du wirst ein Patagonien kennenlernen, wie es die Touristen sonst nicht zu sehen bekommen.

„Erst mal Richtung Puerto Natales“, sagte er. Dann würden wir abbiegen. Auf eine unbefestigte Straße. „Es ist toll dort“, versprach mir Ignacio. „Es gibt Berge und Gletscher. Du wirst ein Patagonien kennenlernen, wie es die Touristen sonst nicht zu sehen bekommen.“ Wie recht er behalten würde, war mir da noch nicht klar. Weiter ging es. Erst am Ufer eines Flusses und dann eines Sees entlang.

Ignacio erzählte mir, dass wir mittags mit zwei Booten losfahren würden. Und Lachsfischer mitnehmen würden. Ich stellte mir einen Trupp Männer in Ölhosen mit ihren Angelrouten vor. Und fragte mich, wie sie wohl wieder heimkämmen. Und wo sie schlafen würden.

Vereinzelt lag eine Estancia am Wegesrand. Estancias sind die großen patagonischen Bauernhöfe. Noch war alles dunkel und die Dämmerung schwand nur langsam. Plötzlich liefen zwei Männer auf der Straße und winkten uns, damit wir anhielten. Sie erzählten etwas von einem Schlüssel, den sie vergessen hätten und fragten, ob wir sie mitnehmen könnten. Beim Anblick meines großen Rucksacks auf der Rückbank sprangen sie hinten auf den Pickup.

Ich fragte Ignacio, was es mit dem vergessenen Schlüssel auf sich hätte, verstand aber seine Antwort genauso wenig, wie die Geschichte der Männer zuvor. Nur, dass es kein normaler Schlüssel sei, bekam ich mit. Zehn Minuten später hielten wir bei einem Auto, das mitten auf der Straße stand. Daneben vier weitere Männer.

Das Geheimnis des Schlüssels

Sieben Männer, von denen ich sechs gar nicht und einen seit einer Stunde kannte und ich im Nirgendwo. Prima, dachte ich. Aber die Männer interessierten sich nur für eins: unseren Drehmomentschlüssel. Mit dem wechselten sie den geplatzten Reifen. Das also war das Geheimnis des besonderen Schlüssels!

Ich blieb im warmen Auto sitzen und schoss ein paar Bilder von der aufgehenden Sonne, die pinke Wattewölckchen am Himmel über uns zauberte. Stellte mir vor, dass die Welt eigentlich andersherum gehörte und wir auf den pinken Wolken herumhüpften.

 

Eine weitere halbe Stunde später waren wir da. Fast. Denn als uns ein Auto passierte, legte Ignacio eine sanfte Vollbremsung hin und dann den Rückwärtsgang ein. „Mein Großvater“, erklärte er mir. Ach wie schön, mal ein Chilene, der mich darüber aufklärt, was gerade passiert. Nach einem Schwätzchen mit dem Großvatergeht ging es weiter.

Nochmals mussten wir kurz anhalten, denn vor uns ritt ein Gaucho (so heißen die Cowboys in Patagonien) auf der Straße. Dieser versuchte gerade, ein abtrünniges Pferd in den Pflock zu treiben. Dann kamen wir tatsächlich an. An einem Parkplatz am Ufer des Sees. Dem Hafen. Einige Häuser aus Blech standen nebeneinander auf der anderen Seite eines Schlagbaums.

Mein romantisches Bild vom Ölhosenfischer zersprang

In einem befand sich ein Büro, in dem wir uns anmeldeten. Ignacio zeigte mir auf einer Karte, wo wir heute hinfahren würden. Mit zwei Booten, wie ich inzwischen wusste. Keine Segelboote, leider. Aber was für welche, konnte ich mir immer noch nicht richtig vorstellen. Wir würden 20 Männer mitnehmen und zu den Lachsfarmen bringen, die tief in den Fjorden liegen. Mein romantisches Bild vom Ölhosenfischer zersprang.

Dann gingen wir zu einem anderen Haus, wo es Kaffee und Tee gab. Und Brötchen mit leckerer Marmelade. Fernando und der andere Kapitän, Oscar, sollten in einer Stunde angekommen. Dann müssten wir erst einmal das andere Boot holen gehen, dass noch ein ganzes Stück entfernt lag.

Mit ein wenig Verspätung kamen die beiden Kapitäne an, die bereits gestern in die Fjorde gefahren waren. Fernando sprang mir entgegen, ein kleiner, energetischer Mann. Ich schätze ihn um die 50. „Lass uns das Boot holen gehen“, meinte er fröhlich. Schnellen Schrittes ging es einen halben Kilometer am Strand entlang. Dort gab es einen Steg.

Ich war gespannt, wie das Boot nun schlussendlich aussehen würde. Es war gelb. Und aus Aluminium. 8 Meter lang. Im Innenraum 2 Sitze vorne, dahinter zwei Bänke, die Platz für 8 weitere Personen boten. Am ehesten ähnelte es den Polizeibooten, die es in Deutschland gibt.

Wir fuhren mit dem Boot zurück zum Hafen, der eigentlich nur ein Kiesstrand war. Luden es auf den Hänger und brachten es 300 Meter ins Landesinnere, wo es einen Tank gab, mit dem wir die Vorräte auffüllten. Fernando erzählte mir, dass wir abends zurückkommen und hier am Hafen übernachten würden. Dann zeigte er mir ein weiteres Boot, mit dem er ozeanographische Instrumente im Wasser versenken musste.

Wenn ich wollte, dann könnte ich morgen mit ihm mitkommen. Wir würden dann auf dem Boot übernachten und am nächsten Tag zurückkommen. Hm, alleine mit einem fast fremden Mann auf einem Boot? Er scheint keine Antwort zu erwarten und so sagte ich erst mal nichts dazu. Das würde ich auch noch morgen entscheiden können. Wenn ich ihn etwas besser kannte.

Wir gingen zurück ins Haus und in weiser Vorausahnung, dass es eine Weile nichts zu essen geben könnte, aß ich noch mal zwei Marmeladenbrötchen. Dann fuhren wir mit dem Boot auf Wasser, um die Ankunft der anderen beiden Männer mit dem zweiten Boot zu erwarten.

Über eine Stunde warteten wir im schaukelnden Boot

Delfine sprangen um uns herum. Der Wind wurde immer stärker. In regelmäßigen Abständen nahmen wir über Funk Kontakt mit dem anderen Boot auf, aber nach einer Stunde waren sie immer noch nicht in Sichtweite. So beschlossen wir, ihnen entgegenzufahren.

In Richtung der Wellen ging es los. Schon nach fünf Minuten hatten wir das andere Boot erreicht. Fernando drückte mir das Steuer in die Hand mit der Anweisung „Richtung halten“ und ging nach draußen, um das andere Boot zu filmen. Gar nicht so einfach, das mit der Richtung halten. Erst zwanzig Minuten später waren wir – dieses Mal gegen die Wellen – wieder zurück am Steg. Wir luden die zwanzig Männer samt Gepäck ein und kurz vor 16 Uhr ging es dann endlich los.

Wenn ich doch nur den ganzen Rucksack eingepackt hätte…

Ich rannte noch schnell zum Auto, in dem mein vollgepackter Rucksack lag. Andere Schuhe, Wasserflasche und meine zwei kleinen wasserdichten Säcke mit meinem Snickers, Powerbank, Handy und Sonnencreme sowie meine Spiegelreflexkamera – das sollte für den Tag genügen. Wenn ich doch nur den ganzen Rucksack eingepackt hätte…

Aber es ging erst mal schön los. Zur Begrüßung sprangen fünf kleine Delfine direkt vor uns in hohem Bogen aus dem Wasser. Dann wurden die Wellen immer höher und ich musste mich an der Stange vor meinem Sitz festhalten. Wasser trinken wurde fast unmöglich. War vielleicht auch besser so, denn auf unserem Boot gab es keine Toilette. Und in der Disziplin „Über-die-Reling-Pinkeln“ waren die acht Männer auf meinem Boot klar im Vorteil.

In den Eimer zu pinkeln war bei dem Wellengang auch keine Option. Unser Boot hob sich bei jedem Wellenkamm, um dann in das nächste Tal zu knallen. Zum Glück hatte ich im Gegensatz zu den Passagieren einen Sitz mit Kopfteil…

Immer weiter ging es Richtung der schneebedeckten Berge und schließlich in die Fjorde hinein. Wir kamen näher und näher an die Gletscher heran. Allerdings waren wir auch schon einige Stunden unterwegs. Obwohl wir drinnen saßen, fror ich erbärmlich. Und das, obwohl ich zwei T-Shirts, ein langärmliges Thermohemd, einen Wollpulli, eine Fleecejacke, einen Kapuzenpulli und eine Daunenjacke trug. Dazu zwei Strinbänder. Die Regenjacke hatte ich über die Beine gelegt.

Hunger-Kalt-Pipi

Außerdem hatte ich langsam Hunger. Und musste Pipi. Zum Glück noch nicht zu doll, aber Hunger-Kalt-Pipi ist keine tolle Kombi. Ich überlegte mir, dass ich den Klogang als Vorwand nehmen könnte, um mir mal so eine Lachsfarm von innen anzuschauen. Bekam man schließlich nicht alle Tage zu sehen.

Dabei hatte ich vergessen, dass einem das Universum häufig gab, wonach man fragte. Und es ab und zu bei der Erfüllung der Wünsche etwas übertrieb. Fünf Minuten Lachsfarm, hatte ich mir gewünscht. Doch es sollte anders kommen. Die Farm stellte ich mir im Übrigen ein wenig wie ein U-Boot vor.

Beim Stichwort U-Boot musste ich dann allerdings an die schwedische Journalistin denken, die letztes Jahr für eine Recherche auf einem solchen mitgefahren war. Und dies mit ihrem Leben bezahlt hatte. Schnell schob ich diese Gedanken beiseite.

Irgendwann kamen wir an einem Engpass an, in welchem uns Eisschollen entgegentrieben. Manche kleiner, manche aber auch einige Meter lang. Und was wir sahen, war ja nur die Spitze des Eisbergs. Wie wir alle spätestens seit der Titanic wissen.

Fahrt durch die Engpassage mit Eisschollen

Wir machten mit unserem Boot den Anfang und warteten einen günstigen Zeitpunkt ab, um die Durchfahrt zu wagen. Jeder Scholle konnten wir nicht ausweichen, aber es knallte nur ein paar Mal geringfügig. Alles im grünen Bereich also. Direkt nach dem Engpass bog Fernando plötzlich scharf nach rechts ab. Zu meinem Erstaunen lagen dort in einer kleinen Bucht drei Boote. Diese sollten die Männer auf die jeweiligen Farmen verteilen.

Wir luden die Männer samt Gepäck aus und fuhren dann weiter an einem Gletscher vorbei, der bis ins Wasser ragte und sich wohl für die Eisschollen verantwortlich zeichnete. Zeitgleich mit dem Einsetzen der Dämmerung dämmerte es mir, dass wir wohl heute nicht mehr zurückkehren würden. Meine Nachfrage bestätigte dies. Verdammt. Und mein Rucksack lag auf der Rückbank im Auto…

 

„Alles kein Problem,“ versicherte mir Fernando

„Kein Problem,“ versicherte mir Fernando. Bei den Lachsfischern gäbe es alles. Decken, Essen. Oh, Essen. Bei dem Gedanken an Nahrungsmitteln zog sich mein Bauch spürbar zusammen. Das zweite bzw. dritte Frühstück war inzwischen fast acht Stunden her und seitdem hatte ich nichts mehr zu mir genommen. Aber mit der Aussicht auf ein baldiges richtiges Essen, beschloss ich, mein Snickers für härtere Zeiten aufzubewahren.

Wir heizten mit Vollgas durch die Fjorde, bis in der einsetzenden Dämmerung die Lichter der Lachsfarm in der Ferne sichtbar wurden. Schnell in die Schwimmwesten geschlüpft und dann banden wir unser Boot an eine der riesigen Bojen neben den Netzen, in denen die Lachse leben.

Dann sprangen wir auf das andere Boot hinüber und legten mit diesem auf dem schwimmenden Haus an, in dem die Arbeiter der Lachsfarmen leben. Durch die große, offene Tür kam mir bereits ein Schwall warmer Luft entgegen, der mich erwartungsfroh machte.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir auch das andere Boot sicher vertaut hatten. Wobei wir etwas übertrieben ist, denn es gab bereits genügend Leute, die halfen und so zog ich mich in die warme Halle zurück und schaute von dort aus zu. Dann gingen wir in den ersten Stock, wo es zu meinem Erstaunen ein ganz normales Wohnzimmer gab. Sofa, Sessel, Fernseher. Ein Tisch, an dem sechs Leute Platz haben. Und sogar Zimmerpflanzen.

Ich ging endlich zur Toilette. Dort war es gefühlt angenehme 35 Grad warm. Das Klo war sehr sauber und es gab fließendes Wasser! Seife, einen Spiegel und Papierhandtücher ebenso.

Ich ass alles, was uns vorgesetzt wurde

Die Küche hatte bereits geschlossen, aber der Koch war so nett, für uns noch einmal etwas zuzubereiten. Ich ass alles, was uns vorgesetzt wurde und war danach ziemlich übersättigt, aber glücklich und müde. Da ich jedoch die einzige zu sein schien, die schlafbereit war, legte ich mich irgendwann vor den laufenden Fernseher auf den Teppichboden. Das beständige leichte Schwanken des Hauses auf seiner schwimmenden Plattform hatte eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Völlig erschöpft nickte ich schnell ein.

Bis ich von Fernando geweckt wurde, der mit einem riesigen Berg von Kissen und Decken vor mir stand. Wir polsterten den Boden im Wohnzimmer mit mindestens vier Decken. Fernando gab mir seinen Schlafsack, der bis minus sechs Grad Komfortemperatur ausgelegt war und so kam ich in dieser Nacht sogar ins Schwitzen. Ich wachte einige Male auf, weil der Alarm losging, was aber nichts Ungewöhnliches zu sein schien.

Tag 2 – Vom fast verlorenen Boot und einer unfreiwilligen Rückkehr zur Fischfarm

Frühmorgens wachte ich auf, weil der Wind pfiff und der Regen gegen die Scheiben schlug. Das verhieß nichts Gutes. Trotzdem nickte ich wieder ein. Am Morgen versuchte ich den Lärm in der Küche und am Frühstückstisch zu ignorieren, was mir bis circa 8 Uhr gelang. Es gab Brötchen, Marmelade, Käse und Wurst zum Frühstück. Aus dem Fenster konnten wir unsere beiden Boote in den Wellen schaukeln sehen.

 

Nach dem Frühstück gingen wir an das offene Tor, um das Meer zu beobachten und die Lage zu checken. Fernando war gerade im oberen Stockwerk, als ein Mann herunterkam, mich kurz mit „Hallo“ begrüßte und dann zu Oscar, dem zweiten Kapitän, weitereilte. Unbemerkt von uns dreien hatte sich das gelbe Boot im Sturm just in diesem Augenblick losgerissen und trieb nun recht schnell auf die etwa einen halben Kilometer entfernte Küste zu. Wenn wir es nicht rechtzeitig retteten, würde es an den Felsen zerschellen.

Oscar und Ignacio sprangen in das offene Boot der Lachsfischer, ich warf ihnen zwei Schwimmwesten hinterher und inzwischen war auch Fernando aufgetaucht, der sich eine Schwimmweste griff und ebenfalls geschwind ins Boot hüpfte. Ich beschloss, dass ich mehr Belastung als Hilfe sein würde und blieb lieber auf der Plattform zurück.

Die anderen hatten zunächst Schwierigkeiten, den Motor anzulassen, erreichten das gelbe Boot dann aber zum Glück doch noch rechtzeitig und brachten es zurück zum Haus, wo wir es sicher vertäuten. Wir warteten, bis der Wind sich etwas legte und fuhren dann an einer weiteren Lachsfarm vorbei tiefer in die Bucht hinein. Dort lagen verschiedene rostige Boote geschützt vor Anker.

 

Auch Seelöwen essen gerne Lachs

Über Funk nahm Fernando Kontakt mit ihnen auf. Kapitän Oscar blieb mit Ignacio zurück und ich fuhr mit Fernando in unserem Boot zu der Lachsfarm, an der wir vorhin vorbeigefahren waren. Kurz davor, tauchte plötzlich ein Seehund vor uns aus dem Wasser auf. Fernando war wenig überrascht. „Die essen auch gerne Lachs“, meinte er.

Vor der Farm ankerte ein relativ großes Boot. Wir legten an diesem an, kletterten über es hinweg zur Hausplattform und wurden erst einmal zum Mittagessen eingeladen. Zu meiner Freude gab es vegetarische Linsensuppe. Ob es schmeckte, wollte einer der Männer von mir wissen. Er hatte das Essen gekocht, denn in diesem Haus gab es keinen Koch und so musste reihum gekocht werden.

Nach dem Essen sprang Fernando auf. Ich wartete noch, denn als mir ein Sandwich vor die Fahrt angeboten wurde, sagte ich – nach der Erfahrung von gestern – sofort ja. Da ich das Hähnchen als Brotbelag dankend ablehnte, wurden mir Palmherzen angeboten, die es in Chile recht häufig gibt. Ich schaute den bärtigen Männern beim Brötchenschmieren zu und freute mich über die nette Geste.

Zurück auf dem größeren Schiff, suchte ich vergebens nach Fernando – und unserem Boot. Ein alter Mann, der auf dem größeren Schiff arbeitete, schickte mich in die Kajüte, damit ich nicht fror. In einem kleinen Raum saß dort die gesamte Mannschaft des Bootes zusammen an einem Tisch, während der Fernseher lief. Interessiert fragten sie mich, woher ich kommen würde und was ich hier mache und so unterhielten wir uns eine ganze Weile.

Seekrank?

Ob ich nicht seekrank geworden wäre, fragten sie mich. Zum Glück konnte ich das verneinen, denn ich war bisher immer recht seetauglich gewesen und freute mich eher über Wellen. Meine Erkältung reichte mir auch aus, mich dazu noch zu übergeben wäre ein bisschen viel verlangt.

Es war warm und gemütlich und ich versuchte mir keine Sorgen zu machen, dass ich gerade mit einem Haufen Fremder abseits jeder Zivilisation auf einem Boot saß, ohne eine Ahnung zu haben, wo die drei Konsorten, die ich kannte, gerade waren und wann sie zurückkamen. Im Fernseher lief der Film Flight 7500, der mich immer wieder vom Gespräch ablenkte. Und mich noch bis in die Nacht verfolgen sollte, in der ich von einem Flugzeugunglück träumte.

Irgendwann kamen Fernando und der Rest der Crew mit den beiden Booten zurück, wir luden die Passagiere und ihr Gepäck ein und verließen bei recht hohem Wellengang und starkem Wind die Plattform. Wir brauchten relativ lange, um die Passage bis zu den Eisschollen zu durchqueren. Das Wasser der Wellen schlug über unserer Bootsspitze zusammen und bedeckte zweitweise die komplette Frontscheibe.

 

Fernando versuchte über Funk die Menschen am Hafen zu erreichen, wo wir gestern losgefahren waren. Bevor wir wieder dort ankommen würden, müssten wir eine Stelle am Beginn des Sees passieren, die bekannt für starken Wellengang war. Nach Rücksprache mit dem Hafen, beschloss Fernando, dass es sicherer wäre umzudrehen. Auf dem See würden uns voraussichtlich drei bis vier Meter hohe Wellen erwarten. Zuviel für ein acht Meter langes Boot.

Die Stimmung auf dem Boot sank auf den Tiefpunkt

Die Stimmung auf unserem Boot sank sofort nach der Mitteilung dieser Nachricht. Nach zwei Wochen oder mehr auf der Lachsfarm, wollten die meisten Männer nichts mehr, als zurück zu ihrer Familie zu kommen. Vierzehntage in den Fjorden, sieben Tage zu Hause. Das ist der Rhythmus, in dem die meisten Männer arbeiten.

Immerhin gab es keine größeren Aussetzer. Denn später erfuhr ich, dass auf dem anderen Boot einer der Männer vor Wut die Lasche an der Aufbewahrungstasche am Vorsitz abgerissen hatte.

Eine gute Stunde später waren wir zurück, luden die Männer ab und fuhren wieder zu der Station, an der wir die vorige Nacht verbracht hatten. Einer der Passagiere, Luis, wohnte auch bei uns auf der Plattform und ließ sich im Gegensatz zu den anderen die Laune nicht verderben. Fröhlich teilte er uns mit, dass er nicht damit rechnen würde, dass wir morgen fahren könnten. Denn das Wetter sollte noch schlechter werden.

Die Wettervorhersage verheißt nichts Gutes

Ein Blick auf die Wettervorhersage bestätigte es. Am nächsten Tag sollte es Böen bis zu 112 Stundenkilometer geben. Bei diesen Windgeschwindigkeiten würden wir unmöglich ablegen können. Ich selbst war auch relativ entspannt, denn immerhin waren wir in Sicherheit und im Warmen. Nur meine Zahnbürste vermisste ich immer mehr.

Dafür beschloss ich, die Dusche im Bad auszuprobieren. Das Wasser war heiß, es stand Duschgel in der Dusche und so fühlte ich mich zumindest für einige Stunden etwas sauberer, auch wenn ich immer noch in derselben Kleidung steckte.

Abends gab es Steak, aber ich war mit den Beilagen (Pommes und Spiegelei) völlig zufrieden. Einige Filme weiter bereiten wir wieder unser Nachtlager auf dem Teppichboden vor. Meine Halsschmerzen hatten etwas nachgelassen. Dafür hatte ich im Verlaufe des Tages Schnupfen bekommen, was beim Schlafen auch nicht gerade half.

Tag 3 – Jetzt heißt es ausharren und abwarten

Der dritte Tag auf der Lachsfarm. Das Frühstück hatte ich verschlafen, denn dieses Mal hatte der Koch um 8 Uhr schon alles abgeräumt. Dafür gab es gegen 11 Uhr frisches, frittiertes Brot – sehr lecker. Und Kaffee und Tee traute ich mich heute auch zu trinken, schließlich hatte ich Zugang zu einer Toilette und wir würden sowieso nicht ablegen können.

 

Als ich morgens ins Bad ging, lag dort eine Zahnbürste neben einer Zahnpastatube. Da konnte ich nicht widerstehen. Nein, ich habe mir natürlich nicht mit einer fremden Bürste die Zähne geputzt! Wo denkst du hin! Aber ich hab erst meine Finger ordentlich gewaschen und mir dann ein ein Zentimter großes Stück Zahnpasta stibitzt und damit meine Zähne notdürftig geputzt. Ein schönes Gefühl!

Luis, unser Passagier von gestern, hatte weiterhin allerbeste Laune. Aus seinem Handy, dass er in seiner Hosentasche stecken hatte, lief laut ein bunter Mix aus lateinamerikanischen und englischen Liedern, zu den er fröhlich tanzte und sang, während er voller Energie erst das Bad schrubbte und dann den Aufenthaltsraum wischte. Welcher sowieso immer sehr ordentlich aussah, wenn wir nicht gerade unser Nachtlager aufgeschlagen hatten. Da soll noch mal einer sagen, Männer seien unordentlich.

Ach ja, Frauen gibt es übrigens hier nicht. Außer mir. Weshalb ich immer nur von Männern und Arbeitern schreibe. Ich hatte mich gestern mit einem der Männer unterhalten, der alle Zentren organisiert und verwaltete und er meinte, dass es weiter im Norden einige Mechanikerinnen geben würde. Aber nur auf den Farmen, bei denen man abends wieder zurück an Land und in die Stadt fahren könne.

Extrawünsche an die Küche

Der Koch hatte inzwischen mitbekommen, dass ich kein Fleisch aß und fragte mich, ob ich mittags eine Linsenfrikadelle haben wollte. Die anderen aßen eine Art Frikassee und blickten neidisch auf meinen Teller hinüber.

Den Tag verbrachten wir weitgehend vor dem Fernseher. Meist liefen Spielfilme – zum Beispiel „Ritter aus Leidenschaft“. Auf Spanisch synchronisiert und ohne Untertitel… Ausgehend von einer Diskussionsrunde mit chilenischen Journalist*innen, bei denen Deutschland erwähnt wurde, befragte mich Fernando zum Schulwesen und was wir dort im Geschichtsunterricht lernen würden. Leider war mein Spanisch nicht gut genug, um zu verstehen, was er genau von mir wissen wollte.

Dafür erhielt ich – endlich mal! – viele Komplimente für mein Spanisch. Jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, wie lange ich schon in Chile sei und „drei Monate“ erwiderte, kam als Antwort zurück: „Was, erst so kurz?“. Während es mir schon so lange vorkam…

Von Mindestlohn und Berufstauchern

Mit Oscar, dem anderen Kapitän, unterhielt ich mich dann auch zum ersten Mal länger. Zusammen mit Ignacio diskutieren wir die Themen Mindestlohn und wieviel man in Chile verdienen würde. Die Gehälter sind in Chile allgemein ziemlich niedrig. 276.000 chilenische Pesos ist allgemein der Mindestlohn in Chile (im März 2018 entspricht das 370 Euro). Dafür, dass viele Dinge – beispielsweise Nahrungsmittel – annährend gleichviel kosten in Chile wie in Deutschland, ist das sehr wenig.

Ich erfuhr auch ein wenig mehr darüber, wie die Männer hier arbeiteten. Es gab verschiedene Positionen, wie Mechaniker, Operatoren und Taucher. Die Arbeit, die die Taucher leisteten, fand ich besonders herausfordernd. Jeden Tag tauchten sie in die Fischbecken hinab, um dort tote Fisch zu bergen und Netze zu reparieren.

Meine Erkältung machte mich ziemlich schlapp. Fernando und Ignacio waren bereits auf dem Sofa eingeschlafen und ich schnappte mir Fernandos Schlafsack und legte mich auf den Teppichboden, wo ich immerhin für eine Stunde einschlief.

Dann ging die Toilette kaputt

Nachmittags ging das Sanitärsystem kaputt. Was bedeutete: kein fließendes Wasser mehr. Zur Not könnten wir mit einem Eimer Wasser aus dem Meer fischen, hieß es. Im Dunkeln ist das aber nur bedingt möglich, da das Meer voller Plankton ist. Krillschwärme wiederum sind nicht gerade das geeignete Futter für defekte Abwasserleitungen.

Abends passierte dann, was ich schon seit meiner Ankunft hier befürchtet hatte: Ich bekam meine Tage. Meine Tampons befanden sich natürlich in meinem Rucksack. Der im Auto lag. Das am Hafen stand. Die Leserinnen können sich wahrscheinlich vorstellen, dass es keine sehr schöne Nacht war. Vom Folgetag ganz zu Schweigen.

Tag 4 – Zivilisation in Sicht

Um halb sieben Uhr morgens standen wir auf. Es war noch stockdunkel. Nach einem kleinen Frühstück machten wir uns auf. Um 8.15 Uhr hatten wir alle Passagiere eingeladen. Dieses Mal hielten sich die Wellen in Grenzen. Drei Stunden später waren wir bereits zurück am Hafen.

 

Ich war mehr als froh, endlich Zugang zu meinem Rucksack zu haben. Und ich habe selten mit einem solchen Genuss meine Zähne geputzt. Es sollte noch einige Stunden dauern, bis mich Ignacio zurück nach Punta Arenas bringen würde. Und noch einige Stunden länger, bis ich in der Badewanne lag und den Schweiß der vergangenen Tage von mir waschen können würde.

Viel Zeit auszuruhen, hatte ich allerdings nicht. Denn morgen würden wir eine Kajakexkursion machen, wie ich gerade erfahren hatte. Meine letzten in Punta Arenas. Dass diese zu einem eigenen Abenteuer ausarten würde, wusste ich da noch nicht. Aber bevor ich die Paddelsachen für morgen packte, biss ich endlich voller Genuss in mein weitgereistes Notfall-Snickers!

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