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Reisereflexionen

 

Spanisch lernen in Chile – wenn jede Konversation zum Kampf wird

Ein neuer Kampf beginnt. Wie viele es heute schon waren, ich kann es nicht mehr zählen. Die Worte meines Gegners fliegen mir wie Schläge um die Ohren. Es geht schneller, als ich denken kann. Noch bin ich am Nachfassen, was das Wort, dass mein rechtes Ohr sausend streifte, bedeutet, da erreichen schon die nächsten zehn Wörter meinen Kopf. So schnell, dass sie zu einer einzigen langen Wortkette verschmelzen und die Dechiffrierung nahezu unmöglich wird.

Ich werfe alles, was ich habe in den Ring. Korrekte Konjugation, perfekte Wortwahl, sinnvoll eingesetzte Betonung – alles nebensächlich. Hauptsache, die Message kommt bei meinem Gegner an. Über den korrekten Einsatz von Perfekt und Indefinido können wir uns zu einem späteren Zeitpunkt streiten.
Er scheint meinen zusammengestotterten Angriff zu verstehen, denn er reagiert mit einer weiteren Wortbatterie, unter deren Gewalt ich mich zusammenducke. Zack, zack, zack, catchai, catchai, catchai. Nein, ich habe es noch nicht verstanden und weiche vorsichtshalber einen Schritt zurück, fordere ihn auf, das Ganze zu wiederholen.

Dieses Mal fokussiere ich mich, kneife die Augen zusammen, lasse die Lippen meines Gegenübers keine Sekunde aus den Augen. Versuche gleichzeitig aus dem Augenwinkel seine Mimik zu erfassen, damit mir kein noch so kleiner Hinweis über die Essenz seines Angriffs entgeht. Es hilft, die ersten drei Schläge fange ich mit meinem Ellbogen auf, transformiere sie in Bedeutungseinheiten, entziffere ihren Gehalt. Aber dann entgleitet mir der Kampf wieder, den Kinnhaken von unten kenne ich noch nicht und während ich noch über seinen Belang philosophiere, trifft mich die nächste Wortkette unvorbereitet und ich bin erst wieder beim nächsten Catchai aufnahmefähig, habe aber den Kern des Angriffs verpasst.

Otra vez, und noch einmal, zische ich ihm zu, diese Formulierung kenne ich wie aus dem Effeff, tausend Mal eingeübt, hunderte Male verwendet. Fragend schaut er mich an, unsicher, ob ich immer noch nicht genug habe, genau den gleichen Angriff zum dritten Mal über mich ergehen lassen möchte. Aber als ich ihm provozierend zunicke, lässt er nicht lange mit sich fackeln und legt wieder los. Diese Mal trifft mich der Kinnhaken nicht unvorbereitet, ich fange ihn gekonnt ab und schaffe es sogar noch, die Hälfte des Rests der Attacke von Lautwellen in Lexeme zu überführen. Das Catchai am Ende erwarte ich bereits und antworte dieses Mal mit landesüblichen Formulierung: Si po!

Geschafft! Wieder eine Konversation, aus der ich erschöpft und lädiert, aber mit Lernfortschritt hervorgehe. Für heute habe ich genug. Meine Hand greift in die meines Gegners, drückt kurz zu, löst sich dann von seiner. Ein letztes Mal trifft Faust auf Faust, sanft und nicht im Kampf, sondern als freundliche Verabschiedung. Ich steige aus dem Ring, wische mir den Schweiß von der Stirn und frage mich, wie lange es noch dauert, bis Unterhaltungen zum Spaziergang werden, statt ein Kampf zu sein.

 

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There is 1 comment so far

  • 2 Monaten ago · Antworten

    Looove it! Ich mag deinen Blog mit jedem Beitrag lieber!

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