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Reisereflexionen

 

Reisen ist nicht die Lösung

Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen, meine Reise zu verlängern. Am liebsten würde ich sagen auf unbestimmte Zeit, aber ganz so flexibel ist meine Reiseversicherung dann doch nicht. Von der Reisekasse ganz zu schweigen.

Wie, was? Die Reise verlängert und dann ein Blogartikel mit der Überschrift „Reisen ist nicht die Lösung“? Ja, du siehst richtig. Die Lösung wofür, wäre wohl zunächst einmal die Frage. Ein erfülltes, glückliches Leben. Denn das ist es, was ich mir für mich wünsche. Und für jeden anderen Menschen auf diesem Planeten.

Kann ich mir ein solches Leben ohne Reisen vorstellen? Schwerlich. Aber nur das Reisen selbst bietet eben auch nicht dauerhaftes Glück und Erfüllung.

Vor kurzem wurde mir ein Job in Deutschland angeboten. Der Inhalt klang spannend, die Rahmenbedingungen passten. Ich sagte dennoch ab. Mit gemischten Gefühlen, aber einem reinen Gewissen. Auch wenn es sich etwas pathetisch anhört: Mein Herz hat zu mir gesprochen und zur Abwechslung habe ich einmal zugehört.

Dieses weitere Aufgeben einer Stück Sicherheit hat jedoch ein Gedankenkarussell wieder angestoßen, das die letzten zehn Monate ziemlich in den Hintergrund getreten war. Was passiert, wenn meine Reise zu Ende ist? Werde ich sie dauerhaft beenden? Womit werde ich mein Geld verdienen? Wie möchte ich langfristig leben?

Vorletzte Woche habe ich mich an einem Gletschersee in Argentinien mit einem Neuseeländer über genau dieses Thema unterhalten, während vor uns die Eisschollen im Wasser trieben. Er hat es als Symptom eines Zustands unserer Generation beschrieben, dass wir alle Möglichkeiten haben und deshalb nie damit zufrieden sind, nur eine auszuleben.

Ich glaube nicht unbedingt, dass es ein Symptom einer ganzen Generation ist. Aber ein Symptom des Teils der Generation, den man auf Reisen trifft, weil er ebenfalls mit dem Wunsch eines erfüllten Lebens um die Welt zieht. Während der andere Teil der Generation glücklich an einem Ort lebt. Oder unglücklich ist, jedoch übers Jammern nicht hinauskommt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Teil der Antwort auf die Frage, zu welchem Teil man gehört, scheint für mich die grundsätzliche Einteilung von Menschen in Scanner und Taucher zu sein, wie sie Barbara Sher vorgenommen hat. Taucher sind Expert*innen, sie lieben es tief in EIN Thema einzutauchen, dieses voll und ganz zu erforschen, sich mit ihrem ganzen – mehr oder weniger – Dasein einer Passion zu widmen. Sie finden ihre Erfüllung in der Tiefe.

Scanner sind Menschen, die viele unterschiedliche Interessen haben, die gerne lernen, die sich mit Begeisterung in neue Themen einarbeiten, die aber auch schnell gelangweilt werden, sobald sich eine Routine einstellt.

Scanner finden ihre Erfüllung in der Vielfalt.

Zum Jahresende habe ich auf Facebook eine Reihe Fotos vom vergangenen Jahr gepostet unter der Überschrift „Ich möchte 1000 Leben leben“. Das ist ein typischer Scanner-Spruch. Den ich voll unterschreibe.

Als Scannerin bin ich auf Reisen quasi ständig in meinem Element, denn mein Wunsch, etwas Neues zu lernen, mein Bedürfnis, neue Eindrücke zu erhalten, mein Verlangen nach Abenteuer wird täglich erfüllt. Solange bis die Reise unter Umständen selbst zu einer Routine wird. Aber ich denke, dieses Gefühl stellt sich erst nach einigen Jahren ein.

Die Einteilung in Scanner und Taucher erklärt für mich auch, warum das Reisefieber in meiner Familie so ungleich verteilt ist. Mein Reisegen habe ich definitiv von meiner Mutter geerbt, die ebenfalls jede Möglichkeit beim Schopfe packt, die Welt zu erkunden. Meine Geschwister hingegen machen eher Urlaube als Reisen. Und meinem Vater gefällt es zu Hause am besten.

Aber zurück zum Thema. Reisen. Und ein erfülltes Leben. Wir können also festhalten, dass für Scanner-Typen Reisen die Stimulierung liefern kann, die sie benötigen. Aber das auf Dauer nicht ausreicht.

Diese Woche habe ich einen Vortrag von Conni Biesalski angesehen (natürlich online). Conni betreibt einen der größten deutschen Reiseblogs, reist seit Jahren um die Welt und verdient ihr Geld von unterwegs. Und sie fiel, nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte, mit ihren ortsunabhängigen Unternehmen so viel passives Einkommen zu generieren, dass sie die berühmte 4h-Woche leben konnte, erst mal in ein tiefes Loch.

Und ja, sie ist übrigens Teil meiner Generation. Genauso wie Sebastian Kühn von Wirelesslife, der sowohl das Digitale Nomadentum als auch das dauerhafte Reisen nicht nur eindimensional betrachtet, sondern auch die Schattenseiten aufzeigt.

Eine Generation, zu der ich gehöre, die andere Wünsche hat als das, was unsere Eltern uns vorgelebt haben. Und andere Möglichkeiten. Die diese sieht und aus ihnen ihren Nutzen zieht. Für die der Ruf in die Welt erstmal als Verheißung erscheint. Bis sich die Erkenntnis einstellt, dass Glück nur im Inneren gefunden werden kann.

Die Hinwendung zu Yoga und Meditation der westlichen Welt im Allgemeinen und der Reisenden im Besonderen ist kein Zufall. Beide bieten die Möglichkeit, einen Ruhepol in sich selbst zu finden. Sich selbst der eigene Fels in der Brandung zu sein. Gerade auf Reisen ist das häufig der Unterschied zwischen Stressgefühl und Entspannungshaltung.

Und so schön auch die Kulisse sein wird, an der du dich befindest: Das Glücksgefühl, an einem Traumstrand sitzen zu können oder von der Spitze eines Vulkans aus die Welt zu betrachten, wird dir nicht von außen übergeworfen. Sondern du musst es in dir selbst erschaffen.

Für mich ist es tief verknüpft mit der Dankbarkeit, die ich dafür empfinde, an diesen Orten sein zu dürfen. Diese Dankbarkeit bezieht sich wiederum aus einer Haltung, die ich der Welt entgegenbringe. Einer Haltung aus Demut, Aufrichtigkeit, Neugier und Offenheit, auf die ich hingearbeitet habe.

Wenn man den Schalter einmal umgelegt hat, kann man Dankbarkeit empfinden, für all die Erlebnisse, die man hat, die Orte, die man sehen darf, die Kulturen, die man erleben kann. Nur dass es keine Garantie dafür gibt, dass der Schalter dauerhaft umgelegt bleibt.

Denn er weist stets in die Richtung, in die wir unsere Gedanken lenken. Beziehungsweise ziehen lassen. Und wenn er erst einmal zurückgeschnellt ist, muss man Wege finden, ihn wieder zum Higher Self, der besten Version unserer selbst, hin auszurichten.

In diesem Sinne ist Reisen also nicht die Lösung, nicht die Formel, die das Glück ausmacht. Das Glück entsteht in dir selbst. Das Reisen kann aber zum integralen Bestandteil deiner Glücksformel werden.

Was denkst du? Bist du mit mir einer Meinung oder reicht dir das Reisen zum Glücklichsein? Oder findest du dein Glück ganz woanders? Bist du eine glückliche Taucherin auf Reisen oder ein Scanner, der am liebsten zu Hause ist?

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