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Zwei Wochen auf einem Bauernhof in Patagonien im Süden Chiles – das Ziel: Land und Leute besser kennenlernen, Spanisch üben, die Natur genießen. Ich wohne bei einer alleinstehenden Bäuerin Anfang 60 zusammen mit Schafen, Alpacas, Hunden, Katzen, Hühnern, einer Sau und jeder Menge Erdbeeren. In unmittelbarer Nähe ragen die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge in die Höhe. Das Land ist rau, starker Wind ist an der Tagesordnung und das Wetter kann von einer Sekunde von Sonne zu Dauerregen wechseln. Englisch spricht hier niemand – perfekt, um meine sehr grundlegenden Spanischkenntnisse auszubauen. In einem Tagebuch habe ich meine Erlebnisse festgehalten. Nun ist es Zeit für ein Fazit.

Wie man in den Wald hineinruft…

Insgesamt waren die zwei Wochen auf dem Bauernhof im Süden Patagoniens eine erlebnisreiche und lehrreiche Zeit für mich. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich in den folgenden Wochen noch ausbauen durfte, war, dass Menschen sich verändern bzw. die eigene Sicht auf diese sich verändert genauso wie die Beziehung zu diesen. Nach wie vor glaube ich, dass ganz viel auch daran hängt, wie man sich selbst verhält und auch wenn ich mir der Signale, die ich ausgesendet habe, nicht immer bewusst war, so wurden sie doch transportiert und vom meinem Gegenüber – ebenfalls mehr oder weniger bewusst – aufgenommen, verarbeitet und mit entsprechenden Reaktionen versehen.

Über einen Monat später bin ich immer noch mit der Bäuerin in Kontakt, die sich regelmäßig erkundigt, wo ich bin und ob es mir gut geht. Ich habe das Gefühl, sobald sie mich einmal in ihr Herz geschlossen hatte, ist die mir entgegengebrachte Zuneigung auch von Substanz.

Nicht hören, nicht verstehen

Ein großes Problem war tatsächlich die Sprachbarriere. Auf den Grad an „Eigenheit“ (inzwischen sage ich das in liebevollem Ton) des chilenischen Spanisch war ich einfach nicht eingestellt. So gut wie nichts zu verstehen, war für beide Seiten immer wieder sehr frustrierend.

Hier hätte ich mir ein wenig mehr Geduld von der Bäuerin gewünscht und das Bemühen, sich einfach und klar auszudrücken und auch mal einen Satz umzuformulieren, wenn ich gar nichts verstehe. Andererseits hat sich vielleicht genau dieser Unmut von mir auch wieder in meinem Verhalten gespiegelt und somit das Benehmen der Bäuerin verändert, wer weiß.

Durch die starke Einschränkung meiner verbalen Kommunikationsmöglichkeiten – und damit dem für mich wichtigsten Mittel zu kommunzieren – war ich in eine Position gedrängt, in der ich mich immer wieder wie ein Kleinkind gefühlt habe. Die Erfahrung zu machen, wie die Formulierung jedes Gedanken zum Kampf werden kann, hat auf jeden Fall mein Verständnis für Menschen, die sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache quälen, ausgeweitet.

Bleiben, wenn es schwierig wird

Interessant wird es in den Momenten, in denen man den Impuls hat, wegzurennen, weil man sich so unwohl fühlt, dass man die Situation beenden will. Meine Entscheidung, zu bleiben und zu schauen, was passiert, hat sich für mich in diesem Fall genau richtig herausgestellt.

Hier den Punkt zu erkennen, an welchem ich mich Situationen entziehen soll oder aber nicht, halte ich für eine große Herausforderung. Dabei hat es mir geholfen – meinem Meditationsretreat sei Dank – die Lage mit Abstand und Neugier zu betrachten und wirklich wissen zu wollen, ob und was sich verändern wird, wenn ich nicht abreise. Durchhalten um des Durchhaltens willen wiederum bietet aus meiner Sicht kein großes Potenzial zu lernen.

Perspektivverschiebungen

Meine eigene Perspektive hat sich verändert, was teilweise zu einem Wertkonflikt führt, den ich noch näher für mich bestimmen muss. Zum Beispiel habe ich mich notgedrungen damit abgefunden, dass der Hund an der Leine hängt, auch wenn ich das immer noch absolut besch*** finde. Aber meine Bemühungen, ihn zu „trainieren“, habe ich irgendwann eingestellt und meine Besuche auf gelegentliches Fellkraulen beschränkt. Das ist zwar traurig, aber auch eine Tatsache, die ich akzeptieren muss.

Meine Augen im wörtlichen Sinne nicht vor den Schlachtungen der Schafe zu verschließen wiederum fand ich eine wertvolle Perspektiverweiterung und auch wenn ich weniger denn je Lust hatte, das Fleisch selbst zu konsumieren, ist es doch eine Art der Tierhaltung, die ich zumindest akzeptieren kann.

Einblick ins chilenische Landleben

Insgesamt habe ich Zugang zu einem Leben bekommen, das ich sonst so nie hätte kennenlernen dürfen. Besonders die beiden Weihnachtsfeiern – die auf dem Bauernhof und Heiligabend bei der Familie – waren tolle Einblicke in die chilenische Kultur und die Selbstverständlichkeit, mit der ich bei diesen teilnehmen durfte, kann ich mir in Deutschland viel schwerer vorstellen.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, es wird weniger Aufheben um Gäste gemacht wie in Deutschland. Man ist oft einfach „dabei“ und wird weder mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht noch aus sozialen Aktivitäten ausgeschlossen.

Die physische Arbeit selbst hat mir Spaß gemacht, auch wenn gerade das Erdbeerpflücken erst einmal gewöhnungsbedürftig für meinen Schreibtischkörper war. Aber nach einigen Tagen waren die Schmerzen weitgehend vorbei und das Pflücken wurde mehr und mehr zur Meditation und ich habe die Zeit, die ich alleine auf dem Feld verbracht habe, genossen.

Unter dem Strich, fällt mein Fazit damit durchaus positiv aus und ich freue mich voller Dankbarkeit, dass ich die Möglichkeit hatte, diese Erfahrung machen zu dürfen.

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