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Zwei Wochen auf einem Bauernhof in Patagonien im Süden Chiles – das Ziel: Land und Leute besser kennenlernen, Spanisch üben, die Natur genießen. Ich wohne bei einer alleinstehenden Bäuerin Anfang 60 zusammen mit Schafen, Alpacas, Hunden, Katzen, Hühnern, einer Sau und jeder Menge Erdbeeren. In unmittelbarer Nähe ragen die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge in die Höhe. Das Land ist rau, starker Wind ist an der Tagesordnung und das Wetter kann von einer Sekunde von Sonne zu Dauerregen wechseln. Englisch spricht hier niemand – perfekt, um meine sehr grundlegenden Spanischkenntnisse auszubauen. In einem Tagebuch habe ich meine Erlebnisse festgehalten.

Was Erdbeerpflücken mit Partnerwahl zu tun hat

Schon morgens habe ich eine Stunde Erdbeeren gepflückt. Insgesamt brauchen wir heute 25 Kilo. Was kein Problem ist, wenn die Pflanzen voller Früchte hängen. Aber da ich gestern bereits ordentlich geerntet habe, sieht es vergleichsweise mau aus. Also muss ich notgedrungen auch Erdbeeren pflücken, die ich eigentlich noch ein, zwei Tage hängen lassen würde.

Ich denke an einen Artikel, den ich kürzlich gelesen habe. In diesem ging es darum, dass wir bei unserer Partnersuche immer nur den Pool an Personen heranziehen können, die verfügbar sind. Das macht die Partnerwahl zu einer relativen Sache, bei der objektive Maßstäbe nur bedingt angewendet werden können. So wie bei der Auswahl der Erdbeeren. Die Analogie scheint mir ziemlich angebracht, während ich auf dem Boden knie mit einem Eimer Erdbeeren vor mir, die meinem Anspruch nur zu 80 Prozent genügen.

Überhaupt: Meine Erdbeermeditationen werden immer geistreicher, so kommt es mir vor. Ich genieße es, ein wenig Zeit alleine zu verbringen, Ruhe zu haben, meinen Gedanken nachzuhängen, während meine Hände mechanisch die grünen Blätter zur Seite biegen (nicht zu viel Druck, nicht zu wenig), um auch an die versteckten Beeren zu kommen, die ich dann mit geübtem Twist von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger samt grünen Kelchblättern entferne.

 

Kleine Erdbeerkunde: Fragaria chiloensis, forma patagonica

Eigentlich ist die Erdbeere übrigens gar keine Beere, sondern eine Sammelnussfrucht. Wusstest du, dass unsere europäischen Erdbeeren ihre Vorfahren in Lateinamerika haben? Unsere Gartenerdbeere geht unter anderem auf die sogenannte Chile-Erdbeere zurück (heißt wirklich so!). Es gibt sogar eine Unterart der Chile-Erdbeere, die Patagonica heißt. Ich zumindest hatte davon keinen blassen Schimmer. Abgefahren, oder?

Und um den Bogen zur Partnerwahl zu schlagen: Von der chilenischen Erdbeere gibt es zwei Sorten: männliche und weibliche. Normalerweise sind Erdbeeren einhäusig, sprich es gibt keine Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Pflanzen (mehr dazu in diesem Artikel). Und das soll Zufall sein? Die chilenische Erdbeere wurde übrigens in Europa freudig begrüßt, weil sie besonders große Früchte hat. Aber hier möchte ich die Analogie nicht weiter bemühen…

Eine große schwarze Tasche mit unbekanntem Inhalt

Auf dem Weg in die Stadt kommt uns ein vollbepackter Geländewagen entgegengefahren, auf dessen Dach jede Menge Gepäck geschnürt ist. Offensichtlich nicht ordentlich genug, denn just in dem Moment, in dem wir den Wagen passieren, löst sich eine große schwarze Tasche vom Dach und fällt auf den Seitenstreifen. Die Bäuerin hupt wild, aber die Leute im Auto bemerken nichts.

Wir halten auf unserer Fahrbahn und die Bäuerin schickt mich zur Tasche. Ich verstehe aber nicht ganz, was ich mit der machen soll und gebe sie deshalb einem Straßenarbeiter – die erste Person, die mit mir Englisch spricht seit über einer Woche. Die Bäuerin meint aber, dem Straßenarbeiter sei nicht zu trauen und schickt mich noch mal los. Ich erzähle dem Arbeiter, dass das Auto einem Freund der Bäuerin gehören würde, nehme ihm die nicht unbedingt schwere, aber sperrige Tasche aus wasserfestem Material wieder ab und zerre sie zu unserem Auto, wo sie neben den Enkeln auf der Rückbank verstaut wird.

Die Bäuerin telefoniert, ich verstehe nichts. Ich glaube sie sagt danach, dass es die Polizei gewesen sei, aber dass diese die Tasche nicht wollen würden. Mit der Tasche auf der Rückbank geht es in die Stadt. Ich lasse mich im Zentrum absetzen, da ich auf eine erneute Stadtrundfahrt keine Lust habe. Zwei Stunden später haben wir uns an der Tankstelle verabredet und die Zeit reicht dieses Mal tatsächlich, um zusammen mit dem netten Telefonverkäufer mein Internet zum Laufen zu bringen. Juhee!

Taschenrückgabe und Sekt und Schokolade

Als ich wieder zur Bäuerin ins Auto steige – dieses Mal haben wir nur noch einen Enkel im Gepäck, dafür ist seine Mutter dabei – frage ich, was aus der Tasche geworden sei. Die Erklärung verstehe ich nicht ganz, aber die Tasche befindet sich immer noch bei uns im Auto, nur dieses Mal im Kofferraum. Langsam kommt es mir etwas suspekt vor, dass wir dieses Ungetüm – in dem alles mögliche sein könnte – mit uns herumfahren. Kurz nachdem wir die Stadt verlassen haben, bekommt die Bäuerin einen Anruf.

Wir halten wieder am Straßenrand und warten fast eine Viertelstunde, bis ein Auto neben uns stoppt. Es sind die Besitzer der Tasche, drei Typen in den Dreißigern, die aus Coyhaique stammen und unterwegs zu einem weihnachtlichen Trip aufs Land waren, zum Moutainbiken und Bergsteigen. In der Tasche befindet sich Bergequipment und so sind sie überglücklich, diese wieder in Empfang zu nehmen. Wir bekommen eine Flasche Sekt und Schokolade überreicht und machen ein gemeinsames Foto, für das die Bäuerin mich aus dem Auto holt.

Ich bin beeindruckt, welche Hebel die Bäuerin in Bewegung gesetzt hat, um die Tasche an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie ihr gesamtes Netzwerk abtelefoniert, um schließlich eine Frau ausfindig zu machen, die sie kennt und die die Mutter einer der drei Typen mit dem Geländewagen ist.

Zurück auf dem Hof habe ich mehr Erdbeeren gepflückt und der Tochter geholfen, die Scheune weihnachtlich zu dekorieren. Glitzernde Girlanden zieren nun die Holzwände und über der Feuerstelle baumeln rote Glaskugeln. Morgen wird es hier nämlich eine Weihnachtsfeier geben.

Danach fährt die Bäuerin wieder zurück nach Coyhaique, denn die Tochter muss zurück in die Stadt und hat ihr Auto nicht dabei. Die Bäuerin will, dass ich mitfahre, aber ich weigere mich. Wir diskutieren hin- und her – soweit man das Sprechen auf dem Niveau einer 2-Jährigen mit Diskutieren beschreiben kann. Ich verstehe nicht, wieso die Bäuerin mich dabeihaben will bis sie mir schließlich mitteilt, dass später ein Nachbar kommen würde, um eine Schaf zu schlachten. Sie wollte mich – die vegetarische Akademikerin aus dem Ausland – also vor diesem Anblick bewahren. Ich beschließe, trotzdem hierzubleiben.

Und dann sage ich mir, dass es heuchlerisch ist, was ich hier gerade betreibe.

Ich wasche ein paar Dinge mit der Hand und will die Wäsche gerade zum Trocknen nach draußen bringen. Aber als ich vor die Tür trete, sehe ich, wie der Nachbar ein Lamm Richtung Schlachtbaum führt. Schnell trete ich zurück ins Haus. Suche hektisch meine Kopfhörer, habe Angst vor dem Todesblöken. Setze mich mit dem Rücken zum Fenster an meinem Laptop. Und dann sage ich mir selbst, dass es heuchlerisch ist, was ich hier gerade betreibe.

Auch wenn ich selbst kein Fleisch esse, war ich immer der Ansicht, dass der generelle Fleischkonsum vertretbar ist, solange eine artgerechte Haltung garantiert wird. Und artgerechter als hier geht es nicht. Um Fleisch essen zu können, muss das Tier nun mal geschlachtet werden. Davor meine Augen zu verschließen, ist feige.

Die Schlachtung

Also stöpsele ich meine Kopfhörer aus und schaue aus dem Fenster. Das Schaf ist bereits tot, das ging schnell. Es liegt auf dem Boden, am Kopf ist das Fell rot vom Blut, aber sonst sieht es unversehrt aus. Der Nachbar ist ein kleiner Mann, mit Baskenmütze auf dem Kopf. Er hat keine Plastikschürze an, so wie ich mir das vorgestellt habe, sondern trägt braune Stoffhosen und eine Jacke. Mit ruhigen Bewegungen, die von jahrelanger Erfahrung zeugen, zieht er dem Schaf die Haut ab.

Fängt an den Beinen an, die zunächst gekürzt werden. Für das, was da gerade passiert, ist es erstaunlich würdevoll. Auch als der Nachbar dem Lamm den Bauch aufschneidet, zwinge ich mich, nicht wegzuschauen. Er holt fast schon zärtlich die Organe heraus, Blut fließt nicht. Erst als der Kopf des Tieres anfängt frei zu liegen, sieht es irgendwie falsch aus.

 

Die anderen Tiere leben weiter wie bisher. Die Hühnerfamilie läuft um den Mann herum, der schweigend seine Arbeit verrichtet. Der verrückte Hund bekommt die Reste, die nicht verzehrt werden können und ich freue mich für ihn. Der Nachbar hängt das Schaf an einem Haken an den Baum und klopft bei mir an, um sich eine Plastiktüte zu holen. Auch Angesicht zu Angesicht ist er mir sympathisch. Ich bin froh, dass ich zugeschaut habe. Es war weniger schlimm als angenommen. Aber ich habe auch weniger das Bedürfnis als je, selbst Fleisch zu essen.

Internethügel und Punktnachrichten

Endlich hätte ich Ruhe zum Arbeiten bzw. um anzufangen, Weihnachtsmails zu schreiben. Aber es gibt mal wieder kein Internet im Haus, ich drehe noch durch. Ich laufe auf den kleinen Hügel neben dem Haus, dort funktioniert es. Um zu schauen, wann es aufhört zu funktionieren, schicke ich über WhatsApp alle paar Meter eine Nachricht mit einem Punkt an meine Mutter. Sie ist die einzige Person, bei der ich sicher weiß, dass sie immer nur kurz online geht.

Aber langsam muss sie denken, ich sei völlig bescheuert. Seit einer Woche bekommt sie immer wieder Punktnachrichten von mir. Die sehen so aus „.“. Aber immerhin: Ich kann das Internet ins Haus hineinretten! Endlich schreibe ich die erste Weihnachtsmail.

Nachts ist es ruhig. Bis ein Schaf anfängt zu blöken. Ich befürchte, es ist die Mutter, die nach ihrem Lamm ruft.

Hier geht es weiter zu Tag 10:

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