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Reisereflexionen

Wut ist gut!

Wut habe ich seit meiner Abreise aus Deutschland überhaupt nicht mehr verspürt, weshalb ich richtig von dem Gefühl überrascht war, als es mich gestern überkam. Der Auslöser ist nicht weiter wichtig. Okay, okay, es ist etwas unfair, gar nichts zur Ursache zu sagen. In Kürze lässt sich vielleicht zusammenfassen, dass jemand nicht ganz nach meiner Nase tanzen wollte und ich deshalb meine Reisepläne anpassen musste.

Nachdem die Wut sich ein, zwei Stunden aufgebaut hatte, konnte ich sie nicht länger in mir behalten. Ich zog mir meine Laufschuhe an (ein Euphemismus… denn neben Gummistiefeln und Flipflops sind sie mein einziges paar Schuhe) und rannte Richtung Meer.

Normalerweise jogge ich eher gemächlich, teile mir meine Kräfte ein, laufe ein konstantes Tempo. Aber dieses Mal legte ich Sprints ein und trieb mich in schnellem Tempo immer weiter, bis ich eine Viertelstunde später am Strand angekommen war. Wo ich wilde Luftsprünge unternahm, um einen unsichtbaren Gegner mit meiner Fußspitze am Kopf zu treffen. Danach war ich erst einmal soweit erschöpft, dass ich wieder klare Gedanken fassen konnte.

Energie dank Wut

Und diesen Zustand nutzte ich, um über die Wut nachzudenken. Zum einen war ich erstaunt, was für eine Energie ich hatte. Nun befinde ich mich seit Ende letztem Jahres sowieso in einer Hochenergiephase. Soll heißen, wenn ich nicht nach draußen kann, um mich auszupowern, werde ich unruhig und nervös. Aber das hier war noch mal eine andere Liga. Was wäre, so überlegte ich mir, wenn ich meine durch die Wut freigesetzte Energie kanalisieren und umlenken könnte, um sie positiv zu nutzen?

Ich dachte darüber nach, was mich so wütend gemacht hatte und warum und die neutrale Betrachtung meiner Gefühle ließ mein Wutpensum auf jeden Fall nach unten schnellen, während die Energie gleichzeitig hochblieb.

Da ich mich vom gleichmäßigen Tempo sowieso schon verabschiedet hatte, wechselte ich nun ruhige Laufstrecken mit Sprints ab, balancierte auf der Kaimauer entlang, sprang über Zäune und warf mich auf den Boden, um ein paar Yogaübungen zu machen. Sang ab und zu laut (und wahrscheinlich falsch) zu meiner spanischen Musik mit. Und nein, das war nicht gerade eine abgelegene Gegend, im Gegenteil. Mit meiner pinken Regenjacke, überdurchschnittlichen Größe und blonden Haaren fiel ich auf jeden Fall auf. Spätestens als ich eine Plastikblumenkette am Strand fand und beschloss, mich zur Feier des Tages und des Lebens im Allgemeinen mit dieser zu dekorieren.

 

Während diese Art von Parkourlauf eine wundervolle Möglichkeit bot, über die Wut zu philosophieren, führte der Wutzustand selbst dazu, dass ich mich ganz auf meine Bedürfnisse konzentrierte und es mir voll und ganz schnuppe war, was andere Passant*innen über die seltsame Gringa dachten. Ich wartete nicht ab, bis der Spaziergänger vorbeigelaufen war, um auf der Kaimauer liegend meine Beine hinter mich in die Pflugposition zu werfen. Ich schaute mich nicht um, ob jemand in der Nähe war, bevor ich laut „darle la vuelta al mundo“ zu meinem neuen Lieblingssong mitsang.

Den Fokus auf die eigenen Bedürfnisse zu legen, ist auch hilfreich dabei, Lösungen für die Probleme zu finden, die der Wut zugrunde liegen. In diesem Fall überlegte ich, welche Optionen ich in Bezug auf meine Reiseplanung hatte. Abgesehen davon, dass ich mich seit neun Monaten in der privilegierten Position befinde, im Prinzip tun und lassen zu können, was ich will, gab es konkret gerade zwei Optionen, die als nächster Schritt in Betrachtung kamen. Und auch wenn sie anders als der Plan waren, den ich noch heute Morgen gehabt hatte, waren sie nicht übel. Ich horchte in mich hinein, was mir gerade besser tun würde und die Antwort kristallisierte sich ziemlich schnell heraus.

Gleichzeitig merkte ich, wie Kreativität freigesetzt wurde und ich Ideen für alle möglichen Projekte bekam. Hektisch tippte ich sie ins Handy ein und kam kaum hinterher. Das war auch ein Grund dafür, dass ich mich entschied, erst einmal dazubleiben, wo ich gerade war – geographisch gesprochen. Ich wollte mir Zeit nehmen, Ideen nicht nur fragmentarisch in Notizen niederzuschreiben, sondern etwas mehr auszuarbeiten. Oft liegt das Weiterentwicklungspotenzial einer Reise in der Fortbewegung, aber in diesem Fall hatte ich das Gefühl, dass ich meine Aufgabe besser erledigen könnte, wenn ich auf eine erneute räumliche Veränderung verzichtete, um mehr Raum für die Veränderung im Inneren zu geben.

Und die Wut hilft mir dabei, dran zu bleiben. Weshalb ich mich auch nicht ganz von ihr verabschieden wollte. Ich muss gestehen, dass eine „Jetzt erst recht“- bzw. „Dir werde ich es zeigen“-Mentalität bei mir schon oft zu erstaunlichen Ergebnissen geführt hat. Das mag sich vielleicht kindisch anhören, aber ich würde behaupten, dass ich dieses Gefühl bewusst als Motivator einsetze. Dass mein Gegenüber meinen „Erfolg“ dann mitbekommt, ist mir nicht wichtig.

Das verweist auf eine Gefahr, die ich beim Zulassen von Wut sehe. Nämlich, dass man die Ursache für die Wut / das Problem externalisiert und im Gegenüber verortet. Wer sich jedoch zum Opfer macht, wird nicht weiterkommen. Wichtig ist es deshalb, dass man handlungsfähig bleibt bzw. den Schwung, den einem die Wut mitgibt, dazu nutzt, die Situation zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen, um dann unter dem Strich besser aus der Krise herauszugehen als man hineingegangen ist. Während uns die Trauer oft lähmt und die Traurigkeit beschönigend in die Vergangenheit blickt, sieht die Wut, was schief gelaufen ist, aktiviert und bietet einem die Möglichkeit, sein Verhalten in der Zukunft anzupassen. So lässt sich das heilende Potenzial von Wut auch wirklich nutzen.

So war ich fast schon ein wenig traurig, dass die Wut nach meinem Spazierdauerlaufrennen schon wieder soweit abgeflaut war. Und bin am Überlegen, wie ich mir wohl den nächsten Schuss Wut holen kann.

Wie geht es dir? Kannst du der Wut auch Gutes abgewinnen? Und interessiert dich das Thema Krisen als Potenzial zu sehen genauso wie mich?  

 

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There are 2 comments so far

  • 8 Monaten ago · Antworten

    Love it!
    Wut ist die Emotion, die ich am schlechtesten kann und umso schöner finde ich es, wie cool sie eigentlich sein kann. Krank zuhause im Bett gehts bei mir gerade eher ums Akzeptieren als ums Verändern, aber ich werde an deinen Artikel denken, wenn ich die Wut das nächste mal treffe 😉

    • Filmnomadin Author
      8 Monaten ago · Antworten

      Na, von einer Psychologin kommend freut mich das Kompliment natürlich besonders 🙂 Wutlose Genesungswünsche und gute Besserung Richtung Krankenbett!

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