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Reisereflexionen

Plädoyer für einen Abschied vom Zweifel

 

In einer Welt, in der alles möglich ist, in der du alles sein kannst, alles erreichen kannst, ist der Zweifel zum ständigen Begleiter geworden. Jede Entscheidung, sei sie noch so klein oder aber potenziell lebensverändernd, muss den Test bestehen, ob es nicht noch besser geht, eine Alternative womöglich den lustigeren Abend, die angenehmere Gesellschaft, den liebenswerteren Partner, den erfüllenderen Job verspricht.

Das Smartphone, das für uns gewissermaßen zu einem Körperteil geworden ist, ohne das man sich fühlt, als wäre eine Gliedmaße zwangsamputiert worden, erlaubt es uns, Entscheidungen hinauszuzögern, kurzfristig abzuändern, uns erst im letzten Augenblick festzulegen. Und wenn man sich dann doch einmal festgelegt hat, sitzt der kleine Teufel namens Zweifel schon wieder auf deiner Schulter und flüstert dir hämisch ins Ohr: „Und wenn die andere Möglichkeit doch besser gewesen wäre?“

Vom Fernsehbildschirm lächelt das abgemagerte Model ihre physische Leichtigkeit in die Welt hinaus

Aber nicht nur der Zweifel bei Entscheidungen vermiest einem so manchen Augenblick, sondern auch der Zweifel, ob man selbst genug ist: gut genug, stark genug, schnell genug, ausdauernd genug, intelligent genug, schön genug, lustig genug, interessant genug… Während vom Fernsehbildschirm das abgemagerte Model ihre physische Leichtigkeit in die Welt hinauslächelt, während es überlegt, auf welcher Toilette es sich als nächstes erbrechen kann, strahlen dir auf Facebook die glücklichen Gesichter deiner Freund*innen entgegen und im Newsfeed legen tausende Fotos visuelle Zeugschaft über die unleugbare Lustigkeit, Sportlichkeit, Beliebtheit, bilderbuchhafte Partnerschaft und katalogwürdige eingerichteten Eigenheime deiner 1357 „Freunde“ ab.

Gelobt sei, wer sich auf dem Rummelplatz unserer digitalen Jahrmarktbuden jeglichen Vergleiches mit anderen Menschen entziehen kann. Und wer sich wirklich sämtlicher Zweifel darüber erwehren kann, dass die anderen nicht doch das interessantere Leben führen. Dass der beständige Vergleich mit dem Hochglanzleben unserer digitalen Freund*innen uns unglücklich macht, haben inzwischen mehrere Studien nachgewiesen (z. B. diese hier der HU Berlin & TU Darmstadt).

Zweifel sind Verhinderer deiner Visionen

Davon, dass unser soziales Leben im Web 2.0 auch für wachsende Selbstzweifel verantwortlich ist, bin ich überzeugt. Das Problem mit den Teufelchen ist, dass sie dich zurückhalten. Zweifel blockieren deine Visionen und verhindern diese im schlimmsten Fall. Ich möchte dich zu einem Gedankenexperiment einladen: Was würde passieren, wenn du fortan alle deine Entscheidungen ganz ohne Zweifel triffst? Was würde plötzlich möglich werden, wenn du Entscheidungen nicht mehr von Zweifeln abhängig machst?

„Aaaaaber“, höre ich dich sagen, während du nervös mit dem Fuß scharrst, „es gibt ja einen Grund für meine Zweifel. Meine Zweifel sind gar keine Teufelchen, sondern Engelchen, denn sie schützen mich davor, unnötige Risiken einzugehen.“ Und das ist das Problem: Dein Gehirn ist darauf programmiert, unnötige Risiken zu vermeiden und den Status quo zu erhalten. Das wiederum verhindert Weiterentwicklung.

Die Zweifel, eben nicht gut, groß, schnell genug zu sein, führen dazu, dass Dinge gar nicht erst angepackt werden, während man gleichzeitig das, was man hat, abwertet. Aber bleiben wir bei unserem Experiment. Nehmen wir an, deine Zweifel hatten recht und etwas hat nicht so geklappt, wie geplant. War es dann nicht trotzdem gut – um der Erfahrung willen? Bist du nicht dennoch als eine bessere Version deiner selbst aus dem Versuch, etwas zu erschaffen, hervorgegangen?

Nichtgemacht hast du es schon!

Damit will ich dir nicht nagelegen, unüberlegte weitreichende und potenziell irreversible Entscheidungen zu treffen. Aber allzu oft verharren wir in einer Starre, die unnötig ist und schieben Zweifel – ob berechtigte oder unberechtigte – vor, um uns nicht aus unserer Komfortzone wagen zu müssen. Aber wie bei so vielen Dingen, die du dir immer wieder vornimmst und dann doch nicht machst, gilt: Nichtgemacht hast du es schon!

Werde dir darüber bewusst, dass es auch immer ein Risiko ist, alles so zu lassen, wie es ist. Den Status quo beizubehalten, ist eine von vielen Möglichkeiten. Den Status quo beizubehalten, bedeutet aber auch, andere Versionen deines Lebens nicht zu verwirklichen. Möglicherweise Versionen, in denen du mehr bei dir selbst, glücklicher, der Welt dienlicher wärst.

Und wenn der teuflische Zweifel dir das nächste Mal im verführerischen Ton deine Nichtigkeit belegende Worte ins Ohr haucht, dann verbiete ihm den Mund oder stelle ihn am besten direkt in die Ecke und beweise dir selbst, was du frei von Zweifeln alles erreichen kannst.

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