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Uniklinik statt Urlaub – am Tropf in Taipeh

„Wollen Sie lieber hier im Krankenhaus bleiben oder nach Deutschland zurückfliegen?“. Bähm. Ich will nach Deutschland zurückfliegen. Aber in sechs Monaten. Nicht jetzt. Und vielleicht noch nicht einmal in sechs Monaten, wer weiß.

Was man sich auf keiner Reise wünscht, ist eingetreten. Ich bin alleine, in einem fremden Land, wo ich niemanden kenne. Mir geht es schlecht genug, dass ich ins Krankenhaus muss. Ich beschließe erst einmal zu weinen. Ich habe tagelang kaum geschlafen, kaum getrunken, nur Bananen gegessen. Am meisten trifft mich die Nachricht, weil sie so unerwartet kam.

Damit, Antibiotikum zu nehmen, habe ich gerechnet. Die Mandelentzündung bereitet mir inzwischen solche Schmerzen, dass ich den Krankheitsfall in meiner eigenen Skala als antiobiotikawürdig einstufe. Aber gleich dableiben zu müssen?

 

„Haben Sie Freunde in Taiwan?“, fragt die nette Ärztin weiter, während mir die Assistentin ein Taschentuch reicht. Ich verneine. „Niemanden?“, fragt sie und klingt ernsthaft besorgt. Was mich wiederum verunsichert. Im Krankenhaus kümmert man sich doch um alles? „Vielleicht gibt es einen deutschen Botschafter, der Ihnen helfen kann“, schlägt sie vor. Was mich noch mehr verunsichert. Die Botschaft?

Während ich von einer Station zur nächsten geschickt werde, versuche ich mit meiner Mutter die Finanzierung meiner neuen Reiseentwicklung über WhatsApp zu klären. Sie hängt bei meiner Auslandsreiseversicherung in der Warteschleife, während ich mich darüber aufklären lasse, dass ich einen Peritonsillarabszess habe und dieser gegebenenfalls operiert werden muss. Ob dem so ist, wird sich nach dem CT herausstellen.

Im Übrigen habe ich da meine Stimme verloren. Was die Kommunikation in einem chinesischsprachigen Krankenhaus nicht einfacher gestaltet. Irgendwann vermerkt jemand auf meiner Akte in chinesischen Schriftzeichen „Sie spricht nicht. Aber sie versteht Englisch und kann die Antworten aufschreiben.“ Das führt teilweise zu Lachern, aber hilft.

Ich durchlaufe die nächsten Stunden mehrere Stationen. Werde an jeder wieder gefragt, wie ich heiße, wo ich wohne, wie meine Handynummer ist, ob ich keine Kontaktperson vor Ort habe, gegen welche Medikamente ich allergisch bin. Später sehe ich alle Bögen in einem Ordner abgeheftet. Ich frage mich, warum ich dieses Fragen so oft beantworten muss.

Ich werde gewogen, vermessen, mein Blutdruck wird kontrolliert und mein Ruhepuls, meine Unterschenkel und mein Oberkörper werden mit Metallzangen versehen (Messung elektrischer Spannung? Ich habe keine Ahnung…). Ich darf mir einen Krankenhauskittel anziehen und werde geröntgt. Dann bringt man mich in ein Krankenzimmer. 2 Betten, wie abgesprochen. Meine von einem Vorhang von mir getrennte Bettnachbarin hat Besuch, sie unterhalten sich für Taiwan ungewöhnlich laut.

Trotzdem versuche ich, etwas zu schlafen, während ich auf die CT-Untersuchung warte. Endlich kann ich mich hinlegen und etwas entspannen. In dem Rahmen, in dem das die Schmerzen zulassen. Essen und Trinken darf ich nicht, der letzte Schluck Wasser liegt bereits einen halben Tag zurück. Irgendwann kommt eine Krankenpflegerin und stellt mir wieder jede Menge Fragen, vor allem solche, die ich schon diverse Male beantwortet habe.

Aber auch ein paar neue sind dabei. Ob ich Geschwister habe? Wie viele? Älter oder jünger? Ob ich mit diesen zusammenleben würde. Ich schreibe auf, wie alt ich bin und dass ich alleine lebe. Die Krankenpflegerin lacht. „In Taiwan lebt man nicht alleine“, sagt sie.

Da ich nun ja offensichtlich sehr alleine bin, muss ich ein weiteres Mal unterschreiben. Die Formulare bisher bestanden alle aus seitenlangen chinesischen Schriftzeichen, bei denen ich auf Anweisung meine Unterschrift gesetzt oder meine Handynummer aufgeschrieben habe.

Dieses Mal ist es ein formloses Blatt, auf dem sinngemäß steht: „Ich stimme zu, dass ich eine Computertomographie durchführen lasse, ohne dass Freunde oder Familienmitglieder dabei anwesend sind. Ich übernehme damit selbst die Verantwortung für die Untersuchung.“ Ich frage mich, ob sonst meine anwesende Familie verantwortlich gewesen wäre? Natürlich unterschreibe ich auch dieses Dokument.

Nach einigen Stunden werde ich von einem jungen Taiwanesen abgeholt und aus meinem Zimmer im sechsten Stock wieder in den Untergrund gebracht. Dort sind die Kernspin-Räume. Wieder muss ich mir ein Krankenhauskleidchen anziehen, damit geht es in den CT-Tunnel. Ich bekomme Kontrastmittel gespritzt. „Ihnen wird gleich warm werden und Sie werden einen bitteren Geschmack im Mund bemerken“, klärt mich der anwesende Arzt auf und dann ist er auch schon verschwunden.

Die Wärmewelle ist angenehm, als die Bitterkeit meinen Mund erreicht wird mir jedoch umgehend schlecht. Ich überlege, wie böse man auf mich sein wird, wenn ich mich im Kernspin erbreche. Einatmen, ausatmen, zwinge ich mich, und versuche dabei möglichst ruhig zu bleiben, damit die Aufnahme gelingt.

Ich liege auf einer Sommerwiese. Die Sonne scheint. Es ist warm, aber nicht zu heiß. Vor mir erstreckt sich ein wunderschöner See. Sanft streift eine Windbrise über meine Haut. Dann ist es vorbei. Kaum bin ich wieder aus dem Tunnel heraus, ist die Übelkeit verflogen, ich fühle mich nur noch leicht benommen. „Wie geht es Ihnen?“, fragt der Arzt und in Ermangelung meiner Stimme zeige ich nur mit einer Handbewegung an, dass es mir so lala gehe.

Zurück in meinem Stockwerk, der Fachabteilung für Otolaryngology, ist mein Ärzteteam inzwischen da und hat Zeit mit mir zu sprechen. Der junge Arzt, ein sogenannter „Resident“ (Arzt nach Uniabschluss in der Ausbildung), erklärt mir, dass der Abszess aufgestochen werden muss. „Wann?“, schreibe ich auf und er meint „Oh, wenn Sie bereit sind jetzt gleich.“

Ich werde im „Therapiezimmer“ auf einen Behandlungsstuhl direkt neben der Tür gesetzt. Die Tür bleibt die ganze Zeit offen. Nicht nur bei mir. Ich frage mich, ob das einen schnelleren Fluchtweg garantieren soll. Für die Ärtze und Ärtzinnen natürlich, falls mal ein Patient durchdreht.

Der Stuhl des Grauens im stets offenen Therapiezimmer

 

Was jetzt erfolgt, werde ich nicht im Detail beschreiben. Nur so viel: Stell dir vor, jemand bohrt eine Schere in deine sowieso schon äußerst schmerzhafte Mandel. Und addiere dann noch recht viel Eiter, Schleim und Blut, das sollte für eine grobe Vorstellung ausreichen.

Wie lange die Behandlung andauerte, kann ich nicht sagen. Es könnten 15 Minuten gewesen sein oder auch eine halbe Stunde. Irgendwann sah ich eine Frau im Flur herumlaufen, die entgeistert in mein schmerzverzerrtes, tränenüberströmtes Gesicht sah. „Lauf weiter“, versuchte ich ihr telepathisch nahezulegen.

Die behandelte Stelle wird mit einem Spray lokal betäubt, da ich den Mund kaum öffnen konnte, erreichte allerdings wenig der Flüssigkeit meinen Rachen. Diese schmeckte erstaunlicherweise nach Banane und damit meinem einzigen Nahrungsmittel der vergangenen Tage.

Schriftlich erkundige ich mich beim leitenden Arzt, wie es jetzt weitergeht. „Oh, wir werden diese Behandlung nun regelmäßig durchführen“, erklärt er mir fröhlich. Vielleicht ist er mit der vergangenen Sitzung zufrieden. Vielleicht will er mich auch nur aufmuntern. „Nur morgens?“ schreibe ich auf und „Wie oft?“. „Ungefähr drei Mal täglich für drei Tage“, antwortet er. Na das sind ja prickelnde Aussichten. Wenigstens bekomme ich jetzt eine Schmerztablette und die kann was!

Mein Gepäck ist immer noch im Hostel. Es ist inzwischen 21 Uhr abends und ich habe wenig Lust, es noch zu holen. Da mein Handyakku aber fast leer ist und ich meine Zahnbürste vermisse, raffe ich mich doch noch einmal auf und laufe die 10 Minuten durch den Park bis zum Hostel. Unterwegs mache ich bei einem Minimart halt, gönne mir eine Cola und kaufe eine Banane und einen Pudding. Meinen Rucksack dort habe ich zum Glück noch gar nicht richtig ausgepackt und so dauert es nicht lange, bis ich zurück im Krankenhaus bin.

Dort wird mir meine erste Antibiotikumsspritze gegeben und eine Infusion angelegt, weil ich den ganzen Tag kaum getrunken und gegessen habe. Meine Bettnachbarin hat immer noch Besuch. Dieser bleibt über Nacht. Was mich nicht sonderlich stören würde, wenn sie einfach mal ruhig sein würden. Meine Schmerzen haben spürbar nachgelassen, ich stecke mir Ohrenstöpsel in meine Gehörgänge und dann schlafe ich das erste Mal seit fast einer Woche wieder richtig.

Die nächsten Tage sind schnell erzählt. Die Krankenpflegerinnen begrüßen mich fröhlich mit „Hallo Marlies“, ich bekomme weiter Infusionen, mit denen ich munter durch die Gegend spaziere. Mein zweiter Tag im Krankenhaus ist schön ruhig, denn es ist Nationalfeiertag und nur die Notbesetzung ist da. Meine Bettnachbarin ist ausgezogen und ich bin einen Tag ganz alleine im Zimmer. Die Behandlungen werden zum Glück doch nur noch morgens und abends durchgeführt und dauern nur noch wenige Minuten.

Zum Glück habe ich eine unlimitierte Datenverbindung gekauft und so kann ich gemütlich Netflix schauen und im Internet surfen, wenn ich nicht gerade in meinem Buch oder meinem Kindle lese. Gar nicht so übel also.

Ausflug zum Park mit Tropf im Schlepptau

 

Das Essen ist vielleicht noch so ein Punkt für sich. Nachdem meine Stimme zurückgekehrt ist, merke ich vorsichtig an, dass man in Deutschland im Krankenhaus Essen bekäme und frage, wie das denn hier so wäre. „Du willst Krankenhaus-Essen?“, fragt mich die zuständige Pflegerin drei Mal. Was soll ich denn auch sonst essen?

Ich bestelle weiches, vegetarisches Essen und das bekomme ich auch. Manchmal ist es besser (Mittag- und Abendessen), manchmal schlechter (Frühstück). Statt Reis bekomme ich immer eine riesige Box mit Reis, der in Wasser schwimmt. Ziemlich eklig. Sonst viel Tofu und andere Sojavarianten, geschmackloses Gemüse und manchmal noch Obst und ein Milchgetränk.

Ich wundere mich, dass niemand mein Tablett abholt. Und bin am nächsten Morgen dankbar, dass das Tablett von abends noch dasteht, denn ich bekomme kein neues Besteck. Also wasche ich meinen Löffel und meine Stäbchen im Waschbecken, bevor ich sie wieder benutze. Eine meiner netten Krankenpflegerinnen klärt mich dann auf: Ich muss mein Tablett selbst zu einem auf dem Flur stehenden Sammelcontainer bringen.

Nach fünf Tagen werde ich entlassen. Fühle mich schon wieder tierisch erschöpft, bis ich es geschafft habe, die Rechnung mit meiner Kreditkarte zu bezahlen. Zu allem Überfluss hatte ich mir im Krankenhaus noch eine Erkältung eingefangen.

Ich nahm den nächsten Zug an die Ostküste Taiwans. Ein netter alter Mann neben mir kümmerte sich rührend um mich, als er mein Krankenhausbändchen entdeckte und meine nicht übersehbare Schnupfnase. Er gab mir Taschentücher. Und Tee aus seiner Teekanne. Und ließ keine Widerrede zu, als er sah, dass ich fror und mir seine Cappy anbot. Er gab mir eine Atemmaske (die war eventuell mehr als Selbstschutz gedacht). Und seine Jacke. Das nächste Mal werde ich zwei Mal überlegen, wenn ich gefragt werde, ob ich keine Freunde in Taiwan habe.

E N D E

There are 6 comments so far

  • 7 Monaten ago · Antworten

    Wow…harter Tobak und so tapfer durchgestanden. Respekt! Ich hatte bereits einmal eine richtig fiese Mandelentzündung, wo ich dachte ich ersticke bald… Wenn ich mir vorstelle, dass hätten sie mir auch noch aufgestochen… 😲🙈

    Süss, wie der Mann im Zug sich um dich gekümmert hat. Das erinnert mich an den Satz:

    „Fremde sind Freunde, die du noch nicht kennen gelernt hast“

    Ich wünsche dir eine gute Weiterreise ohne weiteren Krankenhausaufenthalt.

    Liebe Grüsse
    Melanie

    • Filmnomadin Author
      7 Monaten ago · Antworten

      Liebe Melanie,
      ja, Mandelentzündungen sind kein Zuckerschlecken – auch wenn man viel Eis lecken darf 🙂 Der Mann war wirklich toll! Und es gab noch ein paar andere Fremde-Freunde, die sich ganz lieb um mich gekümmert haben!
      Liebe Grüße
      Marlies

  • 7 Monaten ago · Antworten

    Gerade erst gelesen. Gut, dass es vorbei ist. Schluck. Der weichgekochte Reis, genannt wie der engl. Vorname „Joe“ ist hier sehr beliebt 😉 Normalerweise haben die Leute hier einen Familienangeh. oder eine prof. Schwesternersatzkraft, die Teile der Arbeit machen, die in Deutschland die Krankenschwestern und Pfleger mit übernehmen. Weiterhin gute Besserung.

    • Filmnomadin Author
      7 Monaten ago · Antworten

      Hallo Ruediger, das mit den Familienangehörigen erklärt auch, warum die Ärztin mich so bemitleidet hatte, weil ich niemanden vor Ort kannte… Die Personen mit mir im Raum hatten auch fast immer Freunde / Familie da (auch über Nacht), die sie unterstützt haben. Zum Glück bin ich inzwischen wieder fit!

  • Uli
    7 Monaten ago · Antworten

    Weiterhin gute Besserung! Die Luftverschmutzung in Taiwan haut führt zu fiesesten Atemwegserkrankungen! Gut, dass du nun im Osten betwas chillen kannst!

    • Filmnomadin Author
      7 Monaten ago · Antworten

      Danke für die Genesungswünsche, inzwischen geht es mir wieder gut! Die Luftverschmutzung hat es vielleicht verschlimmert, ich muss mich aber schon vor Taiwan / auf dem Weg dorthin angesteckt haben – ging direkt am Tag nach der Ankunft los…

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