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30 cm lang, 10 cm hoch, 10 cm tief, an der langen Seite U-förmig abgesenkt. Und aus Holz. Das wird mein Kopfkissen für die nächsten sieben Nächte sein. Dazu eine Strohmatte und ein Moskitonetz. Fertig ist mein Bett. Gebot Nummer 8 ist damit erfüllt: Ich werde nicht in einem luxuriösen Bett schlafen.

Zu den weiteren Regeln gehört nicht nach 12 Uhr mittags zu essen (Gebot 6), nicht zu stehlen (Gebot 2), keinen Schmuck zu tragen (Gebot 7), keine berauschenden Mittel einzunehmen (Gebot 5). Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Kaffee.

Neben den acht buddhistischen Geboten gibt es noch weitere Regeln, an die ich mich halten muss. Kein Handy, kein Buch, kein Tagebuch. Keine Musik. Und, denn es ist ein Schweige-Retreat: Ich verpflichte mich, nicht zu sprechen. Eine Woche lang. Mit niemandem.

Um es zusammenzufassen: Keine Ablenkung. Keine Ablenkung von mir selbst. Stattdessen: jeden Tag fünf Stunden Meditation. Der Weckruf ertönt um 4.30 Uhr. Um 5 Uhr beginnt die erste Meditation, um 21 Uhr endet die letzte.

Das Ziel: sieben Tage nur mit sich zu sein, ohne Einflüsse von außen, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, das Ego ausschalten. Und für mich: Raum schaffen, um Klarheit zu gewinnen, Entscheidungen treffen zu können.

Meine 8 Erkenntnisse

1) Du bist dein eigener Zufluchtsort

Attā Hi Attanō Nāthō

Du bist dein eigener Zufluchtsort.

Für mich die wichtigste Erkenntnis. Aber ich könnte mir vorstellen, auch die umstrittenste. Der Satz bedeutet für mich nicht, mich nicht an andere wenden zu dürfen, wenn ich Hilfe brauche. Aber er bedeutet, dass man sich nicht an Dinge, Personen, Orte, Emotionen ect. klammern sollte. Denn siehe Erkenntnis Nummer 3: Nichts ist unveränderbar. Sowie Erkenntnis Nummer 4: Loslassen ist der Schlüssel.

Ich finde es zutiefst beruhigend, dass ich mein eigener Zufluchtsort sein kann. Nicht, dass ich es schon wäre, aber dass die Möglichkeit existiert, ist für mich wie eine Offenbarung. Dorthin zu kommen ist harte Arbeit. Aber eine Arbeit, die sich auszahlt.

Und da dies ja auch ein Reiseblog ist: Als Reisende ist es besonders wichtig, sein eigener Zufluchtsort sein zu können. Ein wenig, wie eine Schnecke, die ihr Haus immer mit sich führt und sich bei Bedarf in es zurückziehen kann.

2) Lebe im Augenblick

ATĪTAṀ NᾹNVᾹGAMEYYA

NAPPATI KAṀKHE ANᾹGATAṀ

YADATĪTAMPAHĪNANTAṀ

APPATTAÑCA ANᾹGATAṀ

Man sollte sich nicht nach dem sehnen, was vergangen ist,

noch ängstlich sein wegen der Dinge, die erst noch kommen werden.

Die Vergangenheit hat uns verlassen, die Zukunft ist noch nicht da.

Meditation ist ein Weg, im Augenblick zu leben bzw. zu lernen, im Augenblick zu leben, indem du auch außerhalb der eigentlichen Meditation Achtsamkeit walten lässt. So kannst du etwa alltägliche Dinge zur Meditation werden lassen: den Gang über den Flur, das Waschen von Salat, das gleichmäßiges Schwimmen im Wasser.

Dass Achtsamkeit sich auszahlt, habe ich ziemlich schnell zu spüren bekommen. Bzw. nicht zu spüren bekommen… 153 Stufen sind es zum Tempel der Wahrheit oder anders ausgedrückt: vom Gebäude der Frauen bis zur Meditationshalle.

Zwei Mal habe ich dabei ein Skorpion gesehen, einmal auf dem Absatz nach Stufe 44 und das andere Mal mitten auf Stufe 70. Wenn ich nicht so achtsam die Treppe hochgelaufen wäre, wäre ich genau darauf getreten. In Flipflops.

Interview mit Benjawan Wongshookaew

3) Nichts ist für die Ewigkeit ODER „Nein sagen“ zu ungebetenen Gästen

„Nichts ist für die Ewigkeit” ist definitiv einer der Sätze, die wir am öftesten zu hören bekamen während unseres einwöchigen Meditationsretreats. Es wurde uns als universelle Regel präsentiert, die auf alles angewendet werden kann. Es ist außerdem der Grund, weshalb man nicht an irgendetwas hängen sollte.

Mir hat es dabei geholfen, mich mehr auf meine Meditation zu konzentrieren und all die Gedanken loszuwerden, die beständig hochkamen. Jedes Mal, wenn das wieder geschah, habe ich mir selbst gesagt: Es ist nicht sicher. Das killt so ziemlich jede „Was wäre, wenn…“-Frage, die aufkommt, auf einen Schlag. Ich habe mir selbst gesagt, dass es unsicher ist, ob Szenario A oder B passiert also bringt es auch nichts, mir jetzt darum Gedanken zu machen.

Und was ist mit den Dingen, die sicher sind? Na, über die brauchst du dir erst recht keine Gedanken zu machen. Es ist sowieso schon passiert, nicht wahr?! Auf diese Art und Weise habe ich mein inneres Haus von vielen ungebetenen Gästen freihalten können. Die kommen sowieso zurück, sobald die Meditation beendet ist. Dankeswerterweise ließ ihr Erscheinen im Verlauf der Meditationswoche immer mehr nach.

4) Loslassen ist der Schlüssel

Zu lernen, loszulassen, nicht zu sehr an anderen zu hängen, ist eine der strittigeren buddhistischen Lehren. Was einer der Gründe dafür sein könnte, warum ich sie von einem philosophischen Standpunkt aus so interessant finde. Wie auch immer, wie die meisten von euch aus eigener Erfahrung wissen: Es ist ein verdammt harter Job. Zu lernen, loszulassen, ist Arbeit.

Mir hilft es, mir zu vergegenwärtigen, dass „es“ mir nicht gehört: dein Ehemann gehört dir nicht, deine beste Freundin gehört dir nicht, deine Eltern gehören dir nicht; im Buddhismus trifft das auch auf alle materiellen Dinge zu: Dein Haus, dein Auto, dein Boot – sie gehören dir nicht. Zumindest gehören sie dir nicht für immer, sondern nur für eine gewisse Zeit.

Als ich aus dem Kloster zurück in die „wirkliche“ Welt kam, fühlte ich mich erst einmal etwas benommen. Ein Gefühl von Unterzuckerung. Müde, erschöpft, überfordert. Vielleicht gab ich deshalb dem Taxifahrer sein Geld in der falschen Währung. Und gab ihm damit 10x soviel, wie die kurze und ohnehin schon zu teure Fahrt eigentlich gekostet hätte.

Zum Glück war der Fahrer im nächsten Taxibus ehrlicher, sonst hätte ich nicht nur ein, sondern gleich zwei Tagesbudgets in den Sand gesetzt. Als mir mein Fehler bewusst wurde, kam ich nicht umhin, bei allem Ärger auch über mich selbst zu lachen. So hatte eben etwas Geld anders als geplant den Besitzer gewechselt.

Wahrscheinlich konnte der Taxifahrer es besser brauchen als ich. Das Geld war futsch und ein paar Nächte im Hostel statt in einem Privatzimmer würden mein Reisebudget wieder ausgleichen. Im Vergleich zu dem Schrecken, den ich morgens erlebt hatte, als mein Reisepass und Handy verschwunden waren, war das Loslassen des verlorenen Geldes die leichtere Übung.

Wenn du dich erst einmal selbst verstehst

ist die Bürde des Lebens überwunden.

Du wirst mit dir selbst und der Welt im Einklang sein.

Wenn wir über uns selbst hinausblicken,

hängen wir nicht länger am Glück

und können wahrhaft glücklich sein.

Lerne, loszulassen, ohne Kampf,

einfach loszulassen, so zu sein, wie du bist.

Kein Festhalten, keine Bindung

Frei.

AJAHN CHAH

5) Liebe dich selbst, dann kannst du die Welt lieben

Eine der Hauptlehren des Buddhismus ist, dass du selbst immer an erster Stelle stehst. Auf den ersten Blick scheint das den westlichen Werten von Nächstenliebe – häufig gepredigt , aber nicht genauso oft mit vollem Herzen gelebt – konträr gegenüberzustehen.

Aber wenn ich die Idee dahinter richtig verstehe, dann geht es darum, dass du Andere nur dann wirklich lieben, mit ihnen kommunizieren, sie unterrichten kannst, wenn du weißt, wer du bist und mit dir selbst in Einklang bist.

Genauso so sind auch die sogenannten Metta-Meditationen aufgebaut. Metta bedeutet so viel wie liebevolle Güte (loving kindness auf Englisch). Bei der Metta-Meditation sendet man zuerst gute Wünsche an sich selbst, bevor man sich das gleiche für andere wünscht.

METTA BHAVANA

Möge ich glücklich und gesund sein

Möge ich in Sicherheit und warm sein

Möge ich weit entfernt sein von Schwierigkeiten und Gefahren

Möge ich das Glück, das ich erlangt habe, nicht verlieren

Möge mein Geist frei von Hass sein

Möge mein Herz mit Liebe gefüllt sein

Möge keine Schwierigkeit meines Weges kommen

Möge ich glücklich und in Frieden leben

Möge meine Übung (der Meditation) erfolgreich sein

Metta ist eines der Objekte, auf das du deine Meditation fokussieren kannst. Natürlich kann der Text nach Bedarf angepasst werden. Machen dir körperliche oder seelische Leiden zu schaffen, könntest du beispielsweise den Satz „Möge ich ohne Schmerzen sein“ ergänzen.

Visuelle Impressionen vom Meditationsretreat

6) Meditation ist einfach. Und schwierig.

Auf der Website des Meditationszentrums steht ein schöner Satz: “Der Zeitplan ist nicht zu einfach für die meisten Menschen, aber auch nicht zu schwierig.” Unsere Meditationsleiterin hat dies ab und zu aufgegriffen und als wir wieder sprechen durften, wurde der Satz zum geflügelten Wort. Nicht zu einfach. Und nicht zu schwierig.

Das trifft auf vieles zu, womit wir uns in der Woche beschäftigt haben: Meditation, das Leben im Augenblick, die Regeln, an die wir uns halten mussten. Das Stillsitzen, das Schlafen auf einer Strohmatte, das frühe Aufstehen, das Fasten ab mittags.

Nach einer Woche kann ich sagen: Du gewöhnst dich an alles und zwar recht schnell. Dein Körper und dein Geist sind zu mehr fähig, als du denkst.

Natürlich geht es nicht ganz ohne Mühe. Man muss sich ab und zu auch anstrengen und nicht nur passiv abwarten. Auf der anderen Seite loslassen, nicht versuchen etwas zu erzwingen, einfach… abwarten. Hinter einem ruhigen Geist steckt oft jahrelange Arbeit von genau diesem Spiel, dem richtigen Einsatz und dem und geduldigen Abwarten.

Und „falls irgendetwas passiert“ – eine Panickattacke, Gefühle, die dich plötzlich überwältigen, was auch immer – haben wir eine schöne und nahezu immer anwendbare Regel an die Hand bekommen. Einatmen. Ausatmen. Und wieder von vorne. Nicht zu schwierig, oder?

7) Du bist die Erbin deiner Handlungen

Kammassakomhi kammadāyādo kammayoni kammabandhū kammapatisarano yam kammam karissāmi kalyānam vā pāpakam vā tassa dāyādo bhavissāmī.

Ich bin die Besitzerin meiner Taten (Kamma), Erbin meiner Taten, aus meinen Taten erwachsen, verbunden durch meine Taten und habe meine Taten als meine Richterin. Was auch immer ich mache – sei es gut oder schlecht – ich werde zur Erbin dessen.

Die Idee des Kamma – in der westlichen Welt besser bekannt als Karma – ist es, dass du die Folgen deiner Handlungen und Taten tragen musst. Kamma ist die Art und Weise, wie du dein Leben selbst beeinflussen kannst. Aber auch wie es bereits beeinflusst ist durch die Vergangenheit, denn in der Gegenwart klingt die Wirkung deiner früheren Taten nach.

Beim Kamma geht es auch darum, die Gegenwart zu verbesseren. Wenn bereits etwas vorgefallen ist oder du dich inmitten eines Konflikts befindest: Denke darüber nach, wie du die Situation verbessern kannst. Arbeite an dir selbst, denn dein Gegenüber kannst du nicht ändern.

8) Man lernt die anderen Teilnehmenden kennen: auch ohne miteinander zu reden

Man könnte denken, wenn man nicht miteinander spricht und auch ansonsten angehalten ist, nicht über Körpersprache miteinander zu kommunizieren, würde man einander nicht kennenlernen. Das kann ich nicht bestätigen.

Nach einer Woche wusste ich so einiges über meine Mitstreiter und –streiterinnen: wer welche Schuhe trägt und wer immer nur barfuß läuft; wer Gurken mag, aber keine Tomaten; wer alle verschiedenen Gerichte wild in seiner Schüssel verrührt; wer ohne Scham in der Öffentlichkeit weint; wer am liebsten im Schneidersitz meditiert und wer in der Hocke; wer morgens duscht, wer mittags und wer abends; wer jeden Tag seine Kleidung wäscht; wer jeden zusätzlichen Job bereitwillig übernimmt; wer heimlich und weniger heimlich Tagebuch schreibt.

Und wir haben einige Momente miteinander geteilt, auch ohne darüber zu sprechen. Beispielsweise als in einer Nacht ein wundersames Wetterleuchten am Himmel stattfand. Die Sonne war bereits untergegangen und über dem Meer hatten sich dichte Wolken aufgetürmt, hinter denen im Minutentakt helle Blitze das ganze Wolkengebilde aufglühen ließen. Schweigend standen wir nebeneinander in der Meditationshalle und schauten regungslos dieses Naturspektakel an.

Meine Lehre daraus: Man muss nicht ununterbrochen miteinander reden, gerade auch mit Menschen, die man neu kennenlernt. Oft sind es doch nur Oberflächlichkeiten, die man austauscht. Stattdessen gibt es auch noch andere Arten der Kommunikation. Wenn man diese zulässt.

Und umso schöner und berührender war es nach einer Woche gemeinsamem Schweigen, als in der letzten Nacht alle von ihren Erlebnissen im Retreat erzählten. Ich habe jeden einzelnen der anderen Teilnehmenden auf eine jeweils ganz eigene Weise mögen und schätzen gelernt.

Abschließende Gedanken: Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend

Viele der buddhistischen Lehren haben bei mir Anklang gefunden, weil sie mit Gedanken übereinstimmen, die ich sowieso schon hatte. Ich konnte aus jeder Vorlesung etwas ziehen. Das soll nicht heißen, dass ich mit allem einverstanden bin. Aber das ist auch okay so.

Auch wenn du die Dinge, die die Meditationsleiterin sagt, in dem Moment nicht (laut) hinterfragen kannst – dem erhabenen Schweigen sei Dank – wird nicht erwartet, dass du mit allem übereinstimmst. Falls mir etwas zu abwegig erschien, habe ich einfach still dagesessen und es als soziologische Studie betrachtet.

Na, fühlst du dich nun auch bereit für ein Retreat? Falls ja: nur zu! Ich glaube, dass du selbst am besten weißt, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist.

Am letzten Abend des Retreats haben wir unsere Erfahrungen während der Woche mit der Gruppe geteilt. Ich habe meine kleine Rede mit den Worten eingeleitet „Falls mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich jetzt gerade ein Meditationsretreat mache –  ich hätte es nicht geglaubt. Es war einfach nicht mein Ding.“ Und so war es auch. Aber nichts ist für die Ewigkeit, nicht ist unveränderbar. Ich habe mich verändert, meine Lebenssituation hat sich verändert und der Zeitpunkt hat sich richtig angefühlt.

Wenn du keinerlei Bedürfnis verspürst, dich eine Woche mit dir selbst auseinanderzusetzen, dann lasse es lieber sein. Wenn du gewisse Widerstände hast oder manche Aspekte dir besonders Angst machen (nicht zu sprechen, nicht nach 12 Uhr zu essen), würde ich hingegen durchaus erwägen, ein Retreat zu machen. Auf diese Art und Weise wirst du vielleicht herausfinden, was hinter deinen Ängsten steckt. Oder ob sie gar gegenstandslos sind.

Vertraue einfach darauf, dass alles, was du brauchst, zu dir kommen wird, wenn du bereit dafür bist.

Nachtrag: Zurück in der Gesellschaft freute ich mich auf meinen eigenen Bungalow und auf die Möglichkeit, auszuschlafen. Und was machte ich? Ließ das Abendessen ausfallen, stellte meinen Wecker auf 4.30 Uhr. Stand auf (!), meditierte, machte Yoga und ging dann an den verlassenen Strand, wo ich noch 15 Minuten im taufeuchten Liegestuhl ausharren musste, bis die Sonne aufging…

There are 3 comments so far

  • Aleks
    2 Jahren ago · Antworten

    Gratulationen!

  • pedy
    1 Jahr ago · Antworten

    Liebe Marlies,es ist so wie du es dir vorstellen konntest und wieder etwas geschafft. Gratuliere! Ich folge dir weiter. LG

    • Filmnomadin Author
      1 Jahr ago · Antworten

      Vielen Dank, liebe Pedy! Und ich werde weiter berichten 😀

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