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Reisereflexionen

Meine schnelle Reise zur Langsamkeit – Reiseehrgeiz ade

Ich bin generell eher von der schnellen Sorte. Zack-Zack muss es gehen. Geduld gehört, gelinde gesagt, nicht gerade zu meinen Stärken. Mein Wohlfühlspaziergehtempo liegt ungefähr bei der Geschwindigkeit, wie gemütliche Läufer joggen. Wenn ich mit langsameren Menschen spazieren gehe, fühle ich mich wie ein Hund, der in der Leine hängend zurückgehalten wird, während er nach vorne hechelt.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Beim Reisen lege ich eine ähnliche Herangehensweise an den Tag. Wenn ich an einem neuen Ort eintreffe, möchte ich möglichst schnell „ankommen“. Die Gegend erkunden, in den einheimischen Restaurants essen, die Top 5 der auf Trip Advisor aufgelisteten Sehenswürdigkeiten abarbeiten 😉 Mich voll und ganz in den neuen Ort, die neue Kultur, das neue Klima werfen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Man kombiniere diese Vorliebe für Geschwindigkeit mit dem Ehrgeiz, auf Reisen möglichst günstig und wie die Menschen vor Ort voranzukommen und nicht die bequemen und teureren Fortbewegungsmöglichkeiten zu nutzen und man erhält eine interessante Kombination. Das führt zu Situationen wie dieser: Anfang diesen Jahrhunderts in Südostasien. Mein früheres, 20-jähriges Ich steht in Bangkok auf der Straße mit einem druckfrischen Lonely Planet in der Hand und gleicht die thailändischen Schriftzeichen im Reiseführer mit denen auf den vorbeifahrenden Bussen ab.

Im Rückblick überrascht es mich, dass ich tatsächlich den richtigen Bus zum außerhalb der Stadt liegenden Busbahnhof erwischt habe. Um dort natürlich als einzige Weiße den Local Bus gen Norden zu nehmen und nicht wie die abschätzig von mir betrachteten „normalen“ Backpacker einen klimatisierten Schnellbus für ein paar Euro mehr.

Der einfache Weg hat sich wie Betrug angefühlt

Diese Art zu reisen, ist nicht nur davon motiviert, Geld zu sparen. Den einfachen Weg zu gehen, hat sich für mich bisher immer wie Betrug angefühlt. Als würde ich mich irgendwie an den Herausforderungen vorbeimogeln, das „richtige“ Leben ignorieren und mir stattdessen Bequemlichkeit mit meinem westlichen Reichtum erkaufen.

Nun ist erst einmal nicht unbedingt etwas daran auszusetzen, sich wie die Einheimischen fortzubewegen. Solange man Spaß daran hat. Zwar habe ich durchaus ein Hochgefühl gehabt, wenn der schwierige Weg dann einmal gemeistert war. Andererseits bin ich auch oft genug überfordert mit der Situation gewesen. Natürlich hätte ich mir das nie eingestanden.

Die Überforderung hat sich ja auch nicht darin geäußert, dass Dinge nicht geklappt hätten. Sie haben immer geklappt. Zumindest irgendwie. Nach einer Nacht im Local Bus, in der ich vor allem damit beschäftigt war, zu verhindern, dass meine Übelkeit sich einen physischen Weg aus meinem Körper heraus bahnt (seitdem kann ich nicht mehr Kokoskekse in Kombination mit salzigen Erdnüssen essen), hatte ich es schließlich nach Chiang Mai geschafft.

Wo die Erleichterung, an die frische Luft zu kommen, so groß war, dass ich erst eine halbe Stunde später festgestellt habe, dass ich meinen Reiserucksack im längst abgefahrenen Bus zurückgelassen hatte. Ich habe ihn zum Glück wiederbekommen. Aber das ist eine andere Geschichte und war auch eine große Ausnahme in meinem umfangreichen Portfolio an alleine unternommenen Reisen in „exotische“ Länder.

Reisen im Ausnahmezustand

Letztes Jahr war ich alleine in Äthiopien. Nur ein paar Wochen, bevor dort der offizielle Notstand ausgerufen wurde. Im Gegensatz zu mir schienen die meisten anderen Backpacker ihre Hausaufgaben gemacht zu haben und hielten sich in ruhigeren Ecken der Erde auf. Lediglich einige an Unruhen gewöhnte Israelis traf ich von Zeit zu Zeit. Die ersten Tage funktionierte das Internet noch, das heißt ich hielt über WhatsApp und Facebook Kontakt zu Freunden und Familie zu Hause.

Dann war Schluss mit der Kommunikation über soziale Medien – die Vorwehen des Ausnahmezustands. Natürlich unterhielt ich mich immer wieder mit Einheimischen, aber meist war ihr Englisch nicht gut genug, um tiefergehende Konversationen zu führen. Um es kurz zu sagen, ich begegnete einem Gefühl, das mich selten auf Reisen aufsucht: Ich war einsam.

Wenn die Überforderung überhandnimmt

Dass ich bereits nicht in der besten emotionalen Verfassung losgereist war, trug nicht gerade dazu bei, dass ich mich besser fühlte. Alles stresste mich. Die Menschen, die einen auf der Straße ansprechen. Die Männer, die einen an den Busbahnhöfen in die richtige Richtung lotsen wollen. Diejenigen, die versuchen, einem das Gepäck abzunehmen und zu tragen. Der Mann, der neben mir im Minibus saß und mich trotz mehrmaligem freundlichen Ablehnen vehement zum Kaffee einladen wollte. Dies soll ganz sicher keine Beschwerde über Äthiopier werden.

Es war meine Überforderung, die dazu führte, dass ich alles als feindlich wahrnahm. Äthiopien ist ein wunderschönes Land, das ich auf jeden Fall wieder besuchen würde. Nur das nächste Mal nicht unbedingt in schlechter Grundstimmung und alleine. Und möglichst nicht zeitnah zu einer Notstandsausrufung.

Die Mutation zum Softie

Meine jetzige Reise dauert ein Jahr. Da muss man sich seine Kräfte besser einteilen. Ich bin inzwischen freundlicher zu mir selbst geworden. Weniger hart. Winke dem Ehrgeiz manchmal sanft lächelnd zu und sag ihm dann, er soll sich schleunigst verziehen.

Bei einer kürzlich besuchten Yoga-Stunde predigte die Lehrerin, „compassion“ (Barmherzigkeit) walten zu lassen und zwar immer zuallererst sich selbst gegenüber, bevor man sie nach außen anwenden kann. Ich versuche, diese Lehre von der Yogamatte aus hinüber in mein Leben fließen zu lassen.

 

Die ersten Wochen meiner Reise habe ich in Australien verbracht, auf der Farm einer Freundin. Einem meiner Lieblingsorte weltweit. Ich habe mir Zeit gegeben, mich zu erden. Gute Gespräche geführt, mit Ziegen gekuschelt, Ausritte in Eukalyptuswälder genossen. Ich habe emotionale Altlasten verarbeitet, dank meiner Freundin so gesund gegessen wie noch nie in meinem Leben, meinem Körper und Geist die Möglichkeit gegeben, sich auf die Reise einzulassen.

Ich liebe Ziegen. Vor allem Lucinda!

 

Gestärkt bin ich mit Zwischenstopp in Sydney und Singapur nach Indonesien weitergereist. Habe spontan beschlossen, von Bali direkt auf die Nachbarinsel Lombok weiterzufliegen und dort ein Taxi (!) nach Sengiggi zu nehmen. Der mit vierzehn Euro erkaufte Komfort war die stressfreie Fahrt auf jeden Fall wert. Von Sengiggi aus habe ich mich nicht durch das lokale Bussystem gequält, sondern habe im Hostel den gut organisierten Transfer mit Bus und Boot auf die Gili Islands gebucht.

Radiuserweiterung in Zeitlupentempo

Auf der kleinen tropischen Insel Gili Air angekommen, habe ich etwas gemacht, das ich noch nicht beim Reisen gemacht habe. Ich habe meinen Radius minimal gehalten und täglich nur um klitzekleine Stücke erweitert. Von meinem Bungalow bis zum Strand waren es zwanzig Meter, zum Hotelrestaurant ungefähr genauso weit.

Ich hatte noch ein großes Projekt abzuschließen und habe täglich viele Stunden vor und in meinem Bungalow am Computer verbracht, unterbrochen nur von gelegentlichen Sprüngen ins lauwarme Nass. Tag für Tag habe ich ein paar Meter mehr in meinem Wirkkreis aufgenommen, hauptsächlich durch die Erkundung der nahegelegenen Restaurants.

Blick auf Gili Air vom Schnorchelboot aus

 

Erst am fünften Tag habe ich endlich einen Spaziergang um die gesamte Insel gemacht, die nur eineinhalb Kilometer lang ist. Ich habe mir meine Insel langsam erarbeitet. Nachdem mein Projekt abgeschlossen war, habe ich mich mit dem ersten Tauchgang seit vierzehn Jahren belohnt. Insgesamt habe ich zehn Tage auf Gili Air verbracht und außer einem kurzen Mittagsstopp beim Schnorcheltrip noch nicht einmal die beiden Nachbarinseln Gili Meno und Gili Trawangan besucht. Wenn ich keinen guten Grund gehabt hätte, weiterzureisen, wäre ich wahrscheinlich immer noch dort.

Ich habe aufgehört, mir selbst Steine in den Weg zu legen, nur um nachher sagen zu können, dass ich sie mit Bravour überwunden habe.

Der gute Grund war die Einladung eines alten Freunds zu einer traditionellen Hochzeit auf Bali. Diesem Ruf folgend habe ich dann auch wieder den einfachen Weg nach Ubud gewählt, mit Fast Boat und inklusivem Bustransfer. Wie das im Übrigen auch 99 Prozent der anderen Reisenden machen. Ich habe aufgehört, mir selbst Steine in den Weg zu legen, nur um nachher sagen zu können, dass ich sie mit Bravour überwunden habe. Ich gebe mir Zeit, so zu reisen, wie ich es in diesem Moment gerade brauche. Ich höre auf meine Bedürfnisse, anstatt sie zielstrebig zu ignorieren.

Und was soll ich sagen: Es funktioniert! Ich bin überrascht, wie leicht sich alles anfühlen kann. Mir geht es so gut wie selten zuvor. Ich habe es geschafft, mir selbst den Raum zu geben, die Erfahrungen, die ich mache, wirklich zu genießen. Ohne Angriffsfläche hat es Madame Überforderung sehr schwer, mich mit ihrer Anwesenheit zu beglücken und so hält sie sich dankenswerter Weise zurück.

Who am I trying to impress?

Ich meine, komm schon, wirklich. Wie hat es der Busfahrer aus Colorado aus meinem Hostel in den Blue Mountains so schön formuliert – während er vergeblich versuchte, sich die Farbe aus dem Gesicht zu wischen, die die grünen Teebeutel, mit denen er sich das Gesicht gesäubert hatte, hinterlassen hatten: Who am I trying to impress? Die Welt? Der geht es voraussichtlich am Allerwertesten vorbei, was ich so treibe. Mich? Wozu? ICH sollte ja umso mehr der Grund dafür sein, auf MICH zu hören.

Dies soll kein Plädoyer für langsames Reisen sein, ich mag es immer noch lieber schnell. Ich gehe nicht davon aus, dass ich in Zukunft nur noch in Slow Motion unterwegs sein werde. Aber es hat die Qualität meines Wohlbefindens auf Reisen schlagartig verbessert, nicht nur von einem Modus Gebrauch zu machen, sondern die Möglichkeit der stufenlosen Verstellung meiner eigenen Geschwindigkeiten auszuschöpfen.

Ich bin dazu bereit, genau das Tempo anzuschlagen, das ich gerade brauche. Den Luxus, den ich dieses Jahr habe, auch wirklich auszukosten und so lange an einem Ort zu bleiben, wie es sich richtig anfühlt. Ohne direkt zur nächsten Sehenswürdigkeit weiterzuhetzen. Meine Bedürfnisse zu achten und nicht zu ignorieren. Meinen eigenen Rhythmus zu finden, auch und gerade wenn das bedeutet, immer wieder innezuhalten und die Schönheit dieser Welt einfach nur staunend zu bewundern.

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