h2 {font-family: 'Pacifico', cursive}

Erfahrungsbericht

 

Mount Rinjani auf Balis Nachbarinsel Lombok gehört für viele abenteuerlustige und outdoorbegeisterte Backpacker ganz oben auf die Liste der Must Dos in Indonesien. Stolze 3726 Meter ragt sein Gipfel in die Höhe und ist bei klaren Sichtverhältnissen überall von Lombok aus zu bewundern. Dass der Vulkan immer noch aktiv ist – der letzte größere Ausbruch war erst 2016 –, schmälert seine Beliebtheit keineswegs. In Zwei-, Drei- oder Vier-Tagestouren kann Mt. Rinjani erklommen werden. Ich habe die dreitägige Tour für dich getestet.

Tag 0: Vorbereitungen und Anreise

Buchung der Tour in Kuta Lombok

Vormittags in Kuta Lombok versuche ich, verschiedene Touranbieter zu finden und meine fein säuberlich auf dem Handy notierten Fragen (Welche Sicherheitsvorkehrungen werden getroffen? Wie groß sind die Gruppen? Was macht der Touranbieter für die Umwelt?) beantwortet zu bekommen. Vor zehn Uhr waren die meisten Shops noch geschlossen. Zwei Agenturen finde ich dann doch. Der erste Vermittler arbeitet mit einem Anbieter zusammen, der mehr als miese Bewertungen im Internet hat. Zum zweiten Anbieter kann ich keine verlässlichen Infos finden. Ich erfahre, dass nicht nur der Transport zum Mt. Rinjani im Preis inbegriffen ist, sondern auch die Unterbringung in der Nacht vor dem Trek vor Ort – das wusste ich bisher nicht. Ich lasse mir von beiden Vermittlern die Handynummer geben und düse erst mal mit dem Roller zurück zum Bungalow, da die Checkout-Zeit naht.

Zum Glück bleiben meine drei gestern auf der Fähre kennengelernten Mitbewohnerinnnen eine weitere Nacht im Bungalow, so dass ich meine Sachen erst mal dort lassen kann und das Packen auf später verschiebe. Ich entscheide mich für den Anbieter mit den nicht vorhandenen Bewertungen und hoffe das Beste. Die erste Handynummer, die mir Agent II gegeben hat, funktioniert nicht. Bei der zweiten nimmt niemand ab. Ich stelle fest, dass ich wohl kein Guthaben für SMS auf meiner indonesischen SIM-Card habe. Notgedrungen schwinge ich mich wieder auf den Roller und fahre die zehn Minuten in den Ortskern, um zu buchen. Als ich ankomme, hat der Vermittler gerade zwei Kundinnen. Ich warte und warte und schlendere weiter zu einem Agenten zwei Läden weiter, dessen Stand vorhin noch nicht geöffnet war.

Er ist gerade im Kundengespräch mit einem Backpacker, der versucht herauszufinden, wie er am nächsten Tag am besten nach Bali reisen kann. Da ich gestern erst von dort gekommen bin, helfe ich ihm aus, denn die Antworten des Anbieters scheinen mir nur die Details zu erwähnen, die für ihn die beste Marge bedeuten. Im Gegenzug erfahre ich, dass der Backpacker vor mir gerade vom Rinjani-Trek zurückgekommen ist. Netterweise verrät er mir, wieviel er dafür bezahlt hat. Damit habe ich eine gute Verhandlungsgrundlage. Ich buche schließlich hier meine Tour, weil ich glaube, gute Bewertungen für den Anbieter gefunden zu haben. Ich zahle knapp hundert Euro inklusive Transport von Kuta nach Senaru im Privattaxi, denn für den Shuttlebus um 12.30 Uhr bin ich zu spät dran. Ich verhandle, dass ich nur gut zwanzig Prozent als Anzahlung leiste – mehr kommt mir für die Strecke unrealistisch viel vor.

Glücklicherweise habe ich eine Freundin, die eine Freundin hat, die mir ihren Mann vorbeischickt, um mein Gepäck aufzubewahren

Da in drei Tagen das Ende von Id Al-Fitr (Ende der Feierlichkeiten zum Fastenbrechen nach dem Ramadan und höchstes muslimisches Fest) ist, starten wohl weniger Touren als üblich. Dafür werden umso mehr Einheimische unterwegs sein, wie ich bald herausfinden werde. Nebenbei organisiere ich noch einen sicheren Aufbewahrungsort für mein Gepäck, das ich nicht mitnehmen werde. Ich möchte meinen Laptop sowie die Festplatte mit meinen Sicherungskopien ungern beim Touranbieter vor Ort lassen und möglichst auch nicht beim Bungalowanbieter in Kuta. Glücklicherweise habe ich eine Freundin, die eine Freundin hat, die in der Nähe wohnt und mir – obwohl sie mich überhaupt nicht kennt – anbietet, ihren Mann vorbeizuschicken, der mein Gepäck bei mir im Hotel abholt.

Ich habe noch eine halbe Stunde Zeit bis er kommt und noch liegen alle meine Habseligkeiten im Bungalow verstreut herum. Also lege ich den Turbo ein, übergebe eine halbe Stunde später meinen größeren Rucksack und bleibe mit meinen kleinen Tagesrucksack zurück sowie einem Turnbeutel mit frischer Kleidung für die Rückkehr nach der Wanderung. In knapp einer Stunde wird mich mein Taxi abholen, deshalb fahre ich zum dritten Mal am heutigen Tag in die Ortschaft, bestelle eine überteuerte Portion Pasta beim Italiener, kaufe, während diese zubereitet wird, eine Hippiehose (da meine langen Hosen alle kaputtgegangen sind), stelle fest, dass mein Essen noch nicht fertig ist, lasse es mir einpacken, düse zurück ins Hotel, wo ich sieben Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt ankomme und mein Taxifahrer schon auf mich wartet.

Transfer nach Senaru

Punkt halb drei fahren wir los Richtung Bangsal und ich lasse mir erst einmal meine – sehr leckeren! – Nudeln schmecken. In Mataram sammelt der Taxifahrer noch seine Frau ein. Wir fahren gemütlich weiter, bevor mein Fahrer einen Anruf bekommt und wir plötzlich den Turbo einlegen und in halsbrecherischem Tempo durch Ortschaften preschen, in wildem Zickzack Rollerfahrer, Autos, LKWs und Personen auf der Straße überholen, um dann mit quietschenden Reifen vor der Agentur des „Big Boss“ in der Hafenortschaft Bangsal zu stehen zu kommen. Sein „You stay here tonight“ wehre ich verzweifelt ab – Bangsal ist wirklich nicht der Ort, an dem ich übernachten möchte. Meine Ängste sind unbegründet, denn innerhalb von drei Minuten hat der Big Boss ein weiteres Taxi organisiert, in das ich hüpfe und schon sind wir auf dem Weg nach Senaru. Wie alle Taxifahrer in Lombok werde ich als erstes gefragt, ob ich rauche und verneine – wie jedes Mal – dankend. Dieser Taxifahrer hat den Turbogang von Anfang an eingeschaltet und so rasen wir Richtung Senaru, während der majestätische Gipfel des Mt. Rinjani immer näher kommt.

Letzte Vorbereitungen vor Ort

In Senaru wird mir mein Zimmer gezeigt, dass luxuriöser ist als ich gedacht hätte und mit einem tollen Ausblick auf den Rinjani, den Regenwald und das Meer aufwarten kann. Mir bleibt allerdings keine Zeit, diesen zu genießen, denn es ist fast dunkel und es gilt noch einiges zu organisieren. Zunächst werde ich zum circa zwei Kilometer entfernten ATM gefahren, damit ich den Rest der gebuchten Tour zahlen kann.

Dann stelle ich fest, dass es natürlich nicht wie vereinbart Regenjacken zum Ausleihen gibt und kaufe notgedrungen eine Jacke in einem kleinen Shop nebenan, wo ich mich auch mit Schokoriegeln und einer Stirntaschenlampe eindecke. Die anderen Mitglieder meiner Truppe, die bereits hier sind (ein Deutscher, ein Finne, zwei Holländer und ein junger Mann aus Hongkong), tun es mir nach. Ich bestelle zwei Mahlzeiten, da die erste so klein ist und ich meine Energie morgen sicher brauchen werde. Uns wird mitgeteilt, dass es morgen um halb sieben Uhr Frühstück gibt und wir dann um sieben oder um acht Uhr losfahren werden. Ich glaube, zwischen jedem von uns und den Mitarbeitenden des Touranbieters hat sich folgende Szene abgespielt, zumindest habe ich sie selbst einmal erlebt und zwei Mal beobachtet:

  • Mitarbeiter im Hotel: „Tomorrow 6.30 breakfast. Then leave at 7 or 8“
  • Möchtegern-Rinjanibesteiger*in: „7 or 8?“
  • Mitarbeiter: „7 or 8“
  • Möchtegern-Rinjanibesteiger*in: „7 or 8?“
  • Mitarbeiter: „Yes, 7 or 8“
  • Möchtegern-Rinjanibesteiger*in, langsam verzweifelt: „7 OR 8?“
  • Mitarbeiter: „Yes, yes, 7 or 8“

 

Zwischen 7 und 8 also. Voraussichtlich.

Tag 1: Zum Base Camp – 1.100 Höhenmeter Anstieg

Halbrohe Bananenpfannkuchen und Transfer nach Sembalun

Ich stehe – wie jeden Tag, seit ich in Indonesien angekommen bin – ohne Wecker auf. Um halb sieben gehe ich die paar Meter zum Restaurant, wo noch niemand wach zu sein scheint. Ein paar Minuten später steht einer der Mitarbeiter auf und fünfzehn Minuten später werden wir alle mit halbrohen Bananenpfannkuchen versorgt. Der Finne hat einen empfindlichen Magen und beschließt, aufs Frühstück zu verzichten, der Deutsche tut es ihm nach. Ich habe meinen Pfannkuchen bereits gegessen und hoffe das Beste. Gegen halb acht taucht eine weitere Frau in meinem Alter auf. Während sie für ihre Tour bezahlt, überlegen wir, ob sie wohl auch die Dreitagestour macht. „Sie sieht aus, als würde sie es in einem Tag schaffen“, meint der Deutsche.

Froh darüber, eine weitere weibliche Teilnehmerin gesichtet zu haben, winke ich sie zu uns an den Tisch. Sie ist aus Australien und wird ebenfalls mit uns wandern. Etwas später tauchen noch ein französisches Pärchen auf und ein Kanadier mit seiner Freundin und seiner Schwester.

Du bist fit, auf deinen Körper ist Verlass, du wirst den Gipfel erklimmen!

Gegen Viertel nach acht bringen wir unser überflüssiges Gepäck in den Aufbewahrungsraum auf der anderen Seite der Straße und springen dann mit unseren Trekkingrucksäcken auf die Ladefläche eines Kleinlasters. „You, you, get down“, fordert mich einer der Mitarbeiter auf, nachdem ich gerade eine einigermaßen bequeme Sitzposition gefunden habe. Also klettere ich wieder herunter und bekomme einen Platz vorne im Führerhäuschen zugewiesen. Dafür bin ich die nächste Stunde noch recht dankbar, denn dort sitzt es sich auf jeden Fall rückenschonender. Die restlichen Teilnehmer werden auf dem Weg nach Sembalun ordentlich durchgeschüttelt. Ich schließe die Augen ein paar Minuten, wende den Blick nach innen und versuche mich mental auf die bevorstehenden Strapazen einzustellen: „Du bist fit, auf deinen Körper ist Verlass, du wirst den Gipfel erklimmen!“, sage ich mir. In Sembalun angekommen registrieren wir uns für die Wanderung und fahren dann noch einmal zehn Minuten zurück zum Startpunkt des Treks auf 900 Höhenmetern. Jetzt wird es ernst!

Eine Stunde nach Trekbeginn: Die erste Teilnehmerin gibt auf

Mein Ziel ist es, meine Kräfte zu schonen und da ich eher dazu neige, zu schnell zu laufen, ist es mein Plan, mich möglichst ans Ende der Gruppe zu setzen. Ich weiß nicht, wie es dann doch passiert, dass ich direkt hinter unserem Guide Mul laufe. Hinter mir folgt die Australierin, mit der ich mich gut unterhalte. Sie ist Ärztin, was mich eine sofortige beruhigende Wirkung auf mich hat. Wir laufen zunächst mit leichten Anstiegen durchs offene Feld und machen dann nach circa einer dreiviertel Stunde die erste Pause am Waldrand im Schatten. Die Gruppe hatte sich inzwischen doch etwas auseinandergezogen und so kommen die letzten erst zwanzig Minuten später an. Die bis auf die Kniebandage superfit aussehende Französin hat Probleme beim Laufen und beschließt zurückzugehen, womit wir nur noch elf Teilnehmende sind.

 

Weiter geht es, nun immer steiler nach oben. Zum Glück kommen bald Wolken auf, was uns zwar den Blick auf den Gipfel verwehrt, aber nicht nur seinen eigenen Charme besitzt, sondern auch dazu führt, dass es weniger heiß ist. Wir machen in regelmäßigen Abständen Trinkpausen und unser Führer beschließt, hinten zu laufen und schickt mich an die Spitze. Na prima! Nach einer Pause versuche ich die Australierin auszutricksen und ihr den Vortritt zu lassen, aber sie erklärt mir, dass es sie immer verunsichern würde, vorne zu laufen und ich doch lieber das Tempo angeben solle.

Gegen halb eins treffen wir auf einer der offiziellen Lagerstätten auf unsere Träger, die bereits dabei sind, unser Mittagessen vorzubereiten. Während das Essen zubereitet wird, strecken sich die Teilnehmenden auf der vorbereiteten Plastikplane aus und machen ein kleines Nickerchen. Mich erinnert die Szene an einen meiner Lieblingsfilme aus Australien, Picnic at Hanging Rock von Peter Weir. Ein Bild, das ich netterweise mit meiner Mitwanderin aus Melbourne teilen kann. In dem Film geht eine Gruppe junger Mädchen beim Wandern verloren. Zurück von der Wanderung werde ich erfahren, dass der Mount Rinjani bei Indonesiern den Ruf hat, böse Geister zu beherbergen. Immer wieder, so wird es gesagt, verschwinden hier Menschen und tauchen  erstJahre später wieder auf.

Now it will be more steep for a bit. And after that it will be very steep.

Aber jetzt ist keine Zeit mehr für Mystik: Ich sehe Hühnchenschenkel in der Pfannen brutzeln und bekomme ein ungutes Gefühl. Natürlich gibt es kein vegetarisches Essen, obwohl ich das circa zehn Mal an verschiedenen Stellen angemeldet hatte. Nach einer Viertelstunde Suche tut sich dann doch noch ein vegetarisches Päckchen Zweiminuten-Nudeln für mich auf, juhee! Dazu gibt es ein gekochtes Ei und eine Kelle Reis. Die Stärkung brauchen wir auch, denn das letzte Drittel des heutigen Tages erwartet uns das steilste Stück des Weges. Oder um es mit den Worten unseres Führers Mul zu sagen: „Now it will be more steep for a bit. And after that it will be very steep.“

Übernachtung auf dem Kraterrand

Ich bin froh, dass wir dieses Stück des Weges hoch- und nicht heruntergehen. Die Wanderer, die uns entgegenkommen, schlittern mehr, als dass sie laufen. Meine Fußgelenke sehnen sich danach, auf flachem Grund zu entspannen, aber den gibt es auf dem letzten Stück nicht mehr. Unsere Gruppe ist inzwischen auseinandergefallen, der fast zwei Meter große Deutsche hat mich flotten Schrittes überholt, den Rest der Gruppe vermute ich irgendwo hinter mir. Gerade, als ich beschließe, dass es Zeit für eine Pause ist, sehe ich weiter oben ein Schild stehen. Ich kämpfe mich bis dorthin durch und – welch angenehme Überraschung – bin am Basecamp auf 2.600 Höhenmetern angekommen.

Bunte Zelte reihen sich auf dem Rand des Kraters aneinander und nach einer Weile finde ich meinen deutschen Mitstreiter, der es sich bereits gemütlich gemacht hat. Nach und nach trudeln weitere Mitglieder unserer Truppe ein und werden von uns enthusiastisch begrüßt. Unser Wanderführer schickt uns mit einem der Träger zu unserer Lagerstätte, während er den Abstieg antritt, um die Nachzügler einzusammeln. Ich teile mir ein Zelt mit der Australierin und wir genießen den Ausblick von unserem Camp aus auf den sich durch die lichtenden Wolken eröffnenden Ausblick auf den Kratersee.

Der Sonnenuntergang ist atemberaubend, führt aber auch dazu, dass es empfindlich kalt wird. Gegen 19 Uhr gibt es Reis mit Gemüse – und Hähnchenschenkel für die Fleischfresser – zum Abendessen, dazu einen heißen Tee und dann ab ins Bett. Ich unterhalte mich noch etwas mit meiner Zeltpartnerin, bevor wir gegen acht Uhr auf unseren viel zu harten Matten und in unseren viel zu dünnen Schlafsäcken in einen unruhigen und viel zu kurzen Schlaf sinken.

 

Tag 2: Gipfelerklimmung –  insgesamt 1.700 Höhenmeter Anstieg und 1.700 Höhenmeter Abstieg

Der Gipfelanstieg

 

Um zwei Uhr morgens heißt es aufstehen. Uns werden ein paar Kekse und eine Tasse heißer Tee ins kalte Zelt gereicht und eine halbe Stunde später machen wir uns eingepackt in alles, was wir zum Anziehen haben und mit Taschenlampe auf der Stirn auf, um den Gipfel des Mount Rinjani zu besteigen. Die Nacht ist sternenklar, der Mond allerdings inzwischen untergegangen. Sieben aus unserer Gruppe wagen den Versuch dazu neben unserem Führer Mul ein weiterer Führer, Andi, der heute zu uns gestoßen ist. Andi läuft vor und ich finde mich mal wieder direkt hinter ihm. Er legt ein ordentliches Tempo vor und ich vermute, dass wir in diesem wahrscheinlich zwei Stunden vor Sonnenuntergang am Gipfel sein werden. Wir überholen eine Gruppe nach der anderen. Vorsichtig deute ich an, dass wir doch etwas langsamer laufen könnten. Mit mäßigen Erfolg.

Viele hunderte Meter vor uns reihen sich die Lichtquellen der Taschenlampen aneinander und wandern langsam nach oben. Meine zweite Hose und die Regenjacke ziehe ich relativ schnell aus. Neben mir ist noch der andere Deutsche bei Andi, den Rest der Truppe haben wir bereits nach einer Viertelstunde in der dunklen Nacht verloren. Ich nehme an, dass sie zusammen mit Mul unterwegs sind. Seltsame Gestalten irren durch die Nacht. Einer hat einen weißen Eimer auf dem Kopf, in den Löcher für Augen und Mund geritzt sind. Ob das die bösen Geister abhalten soll? Ich nehme es einfach so hin und laufe weiter.

Nach einer Stunde Nachtwanderung gibt meine Taschenlampe den Geist auf

Nach einer Stunde Anstieg wird meine Taschenlampe immer schwächer. Ich will die Batterien wechseln, stelle aber fest, dass die Packung aufgegangen ist und nur noch eine der drei kleinen Knopfbatterien in meiner Tasche vorzufinden ist. Andi gibt mir seine Taschenlampe – ich fühle mich schuldig, sie anzunehmen, auch wenn ich nicht weiß, wie ich ohne sie den Gipfel erreichen soll – und schickt meinen deutschen Kumpanen vor. Dieser läuft schneller als ich, hält aber immer wieder an, um zu warten. Jegliche feministische Grundsätze über Bord werfend fühle ich mich sicher zwischen meinem männlichen Geleitschutz, dem deutschen Hünen und dem einheimischen Guide. Wir machen wenige Pausen, denn immer wenn man stehen bleibt, wird es direkt empfindlich kalt.

Der Ausblick auf den Sternenhimmel und die umliegenden Ortschaften ist atemberaubend. Allerdings habe ich nicht viel Gelegenheit, ihn zu genießen, da ich es inzwischen rechts und links des Weges steil bergab geht und ich mich auf den Pfad konzentrieren muss. Die Beschaffenheit des Weges ändert sich immer wieder, teilweise klettert man über Felsen und Steine oder rutscht im weichen Sand oder Kies umher. Es wird immer anstrengender und da ich die Langsamste in unserer Dreiergruppe bin, gehe ich nach einer Pause als erstes wieder los. Nur noch ein bis eineinhalb Stunden von hier, hat uns Andi versprochen. Es dauert doch relativ lange, bis mich der Deutsche wieder einholt. Andi wollte wohl zur Toilette und taucht nicht wieder auf. Ab jetzt ist es jeder für sich. Der schwierigste Teil der Unternehmung beginnt. Die Luft ist spürbar dünn geworden und obwohl der Wind nur leicht weht, ist es sehr kalt.

Der schwierigste Teil beginnt

Es geht steil im losen Schotter nach oben, bei jedem Schritt rutscht man wieder ein Stück nach unten. Ich probiere aus, wie viele Schritte ich gehen kann, bevor ich eine Pause brauche. Ein Schritt für jedes Lebensjahr gefolgt von einer Pause ist auf jeden Fall zu viel. Mein Herz pumpt wie verrückt und ich brauche viel zu lange, um mich wieder zu erholen. Mal gehe ich fünf Schritte, mal zehn, mal zwanzig. Dann mache ich Pause, indem ich versuche, mit beiden Füßen Halt zu finden und mich dann vorüber auf meinen mir gute Dienste leistenden Holzstock lehne.

Interessanterweise bewegen sich alle um mich herum auf ähnliche Art und Weise und ebenfalls im Schneckentempo fort. Mich würde es interessieren, was ich jetzt für einen „Ruhe“-Puls habe. Der Gipfel ist nicht sichtbar, was nicht gerade motivierend ist. Ich hoffe, dass er in greifbarer Nähe ist, aber alle ihre Taschenlampen ausgeschaltet haben. Westliche aussehende Touristen sehe ich gar nicht mehr. Frauen auch nur noch wenige. Immer wieder liegen Leute am Wegrand und scheinen zu schlafen.

Neidisch blicke ich auf ein kleines Feuer, dass Menschen am Wegesrand gemacht haben. Es wärmen sich allerdings schon zu viele Menschen an den kleinen Flammen, als dass für mich noch Platz wäre. Ich sehe, dass der Weg sich vor mir durch Felsspalten schlängelt und hoffe, dass es dort etwas wärmer und windstiller sein wird. Direkt in der erste Einbuchtung liegen zwei Menschen, einer davon komplett von Kopf bis Fuß in einer Tuch eingehüllt. Ich wecke sie auf, weil ich Angst habe, dass sie hier oben erfrieren. Die Temperaturen sind inzwischen nur noch knapp im Positivbereich. Die beiden Menschen schauen mich verwirrt an und fragen, ob ich mich zu ihnen legen will.

Weiter geht es nach oben. Ich reiche einem Fremden meinen Stock nach oben, damit ich die Hände frei habe, denn auf dem letzten Stück muss ich tatsächlich noch klettern. Und plötzlich ist er da, der Gipfel. Unerwartet und still. Kleine Gruppen von Menschen sitzen auf dem Boden. Insgesamt weniger, als ich gedacht hätte. Ich finde meinen deutschen Kumpanen und setze mich zu ihm. Schnell ziehe ich meine zweite Hose und die Regenjacke an, aber schlottere immer noch. Meine Finger sind trotz Handschuhen fast taub.

Auf dem Gipfel

Es ist halb sechs und wir müssen noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang ausharren. Am Horizont ist bereits ein erster Lichtschimmer als Vorbote zu sehen. Der Sonnenaufgang entlohnt für den anstrengenden Anstieg. Das Wolkenmeer im Tal sieht wunderschön aus und neben dem Kratersee leuchten die Lichter der umliegenden Ortschaften. Ich versuche, Fotos zu machen, aber meine Finger sind so kalt, dass ich Schwierigkeiten damit habe, den Auslöser meiner Kamera zu drücken.

Nach und nach trifft der Rest unserer Gruppe ein, manche noch vor, die meisten nach dem Sonnenaufgang. Alle haben es geschafft! Nur Andi ist zurückgeblieben, was ich in Ermangelung einer Taschenlampe und nur mit Flipflops an den Füßen mehr als nachvollziehbar finde. Wir beglückwünschen uns gegenseitig zur erfolgreichen Gipfelbesteigung und machen Fotos. Mul packt eine Packung Kekse aus, auf die wir uns stürzen. Mein Snickers, dass ich mir für den Gipfel geleistet habe, ist eingefroren.

 

Der Berg ist der Legende nach im Übrigen nach Dewi Rinjani genannt, einer Frau, die am Gipfel von Geistern zur Königin gekrönt worden ist. Ich frage mich, ob diese Geschichte, die „vor langer, langer Zeit“ passiert ist, sich abspielte, als der Berg noch seine volle Größe hatte. Denn der Rinjani war nicht immer „nur“ 3.726 Meter hoch gewesen, sondern ursprünglich ist er circa 5.000 Meter in die Höhe geragt. Das war allerdings schon vor 0,125 bis 2,5 Million Jahren. Bei einem großen Ausbruch des damals auch Mt. Samalas genannten Vulkans im 13. Jahrhundert hat sich ein mehrere Kilometer großer Kessel geformt. Die Spitze des Vulkans sackte an ihre jetzige Position in diesen hinein, wo sie weiter aktiv ist und als Mt. Barujari bezeichnet wird. Der jetzige Gipfel ist im Prinzip nur der klägliche Rest des einzigen Giganten. Mir reicht die Höhe allemal, auch wenn es jetzt erst mal wieder bergab geht.

Während wir den Berg herunterrutschen, kommen uns zahlreiche Menschen entgegen, die den harten Teil noch vor sich haben

 

Gegen 7 Uhr machen wir uns wieder an den Abstieg. Dabei kommen uns immer noch Menschen entgegen, die auf dem Weg nach oben sind. Ich lasse mir Zeit beim Abstieg, mache jede Menge Fotos und langsam wird mir auch wieder warm. Nicht gerade wenige Verrückte rennen den Weg nach unten. Auf der Schotterpiste fühle ich mich wie auf einem Laufband am Flughafen. Jetzt rutscht man bei jedem Schritt noch einen weiteren nach und so geht es zackig voran – dauert aber doch um einiges länger, als vermutet. In der Ferne reihen sich die bunten Zelte auf dem Kraterrand wie tibetische Gebetsfahnen aneinander.

 

Im Camp gibt es erst einmal die üblichen halbrohen Bananenpfannkuchen, die heute alle ohne Murren essen. Wir verabschieden uns von den Kanadiern und dem Franzosen, die nur eine Zweitagestour gebucht haben und heute denselben Weg wie gestern zurück nehmen. Zum Ausruhen bleibt wenig Zeit, denn nach dem Frühstück geht die Wanderung weiter und zwar nach unten, zum Kratersee. Relativ schnell sind wir von aufsteigenden Wolken eingehüllt. Der Abstieg ist teilweise steil und mit Klettern verbunden. Wir vertreiben uns die Zeit mit Spielen und bilden Wortreihen. Die Person, die hinter einem läuft, muss ein Wort finden, dass mit dem letzten Buchstaben des zuvor genannten Wortes anfängt und irgendetwas mit Wandern zu tun hat. „Sore muscles“ (Muskelkater) wird von allen anstandslos akzeptiert.

Rush Hour auf dem Kraterweg

 

Auf die Mittagspause am Kratersee habe ich mich besonders gefreut. Leider ist die Erfahrung zwiegespalten. Zwar lichten sich die Wolken und öffnen einen tollen Ausblick auf den aktiven Teil des Vulkans, der am Rande des Sees sanft weiße Wölkchen in die Luft pustet (leider nutze ich das Zeitfenster der Wolkenfreiheit nicht, um ein Foto zu machen, bevor die Wolkendecke sich wieder schließt). Aber das Seeufer gleicht einer Müllhalde. Wegen des Ramadanendes zelten hier besonders viele Menschen und zwischen den Zelten liegen volle Mülltüten, Plastikfetzen, leere Zweiminutennudeltüten, Klopapier, benutzte Feuchttücher und so allerlei mehr.

 

Ich schließe mich dem harten Kern der Gruppe an, der sich während das Essen zubereitet wird zu den nahegelegenen heißen Quellen aufmacht. Diese sind dicht besetzt und so bade ich nur kurz meine Füße im heißen Wasser, bevor wir wieder zurückgehen. Auch heute können wir das Essen (Kokusgemüsesuppe mit Reis) gut gebrauchen, denn die nächsten 600 Meter teilweise recht steilen Anstiegs warten schon auf uns.

Auf dem Weg nach oben werden wir immer wieder – wie auch schon auf der bisherigen Wanderung – von den Trägern überholt. An dieser Stelle ein Wort zu ihnen, den sogenannten „Portern“. Diese Männer leisten unglaubliche Arbeit. Sie tragen ein Bambusrohr über der Schulter, an dessen beiden Enden ein Korb hängt, in dem Schlafsäcke, Zelte, Isomatten, Wasserflaschen, Gaskocher, Essensvorräte ect. transportiert werden. Ein Porter kann auf diese Weise bis zu 40 Kilogramm tragen. Gutes Schuhwerk? Fehlanzeige! Die meisten sind mit Flipflops unterwegs.

Oft haben sie ein kleines Radio dabei und gönnen sich auf diese Art und Weise ihre eigenes Home-Entertainment, denn die Berge, die sie tagein und tagaus bergauf und bergab besteigen, kann man fast schon als ihr zu Hause bezeichnen. Die meisten sind junge Männer. Bei unserer Gruppe ist aber auch ein Porter dabei, der den Job seit vierzig Jahren macht. Hätte ich die ganzen Dinge, die die Träger für uns mitgeschleppt haben, selbst tragen müssen, weiß ich nicht, ob ich die Tour so unbeschadet überstanden hätte. Auf jeden Fall nicht so schnell.

 

Auch heute schlafen wir wieder am Rand des Kraters, wenn auch etwas abseits, da die offizielle Campstelle bereits voll ist. Frierend schauen wir den zauberhaften Sonnenuntergang an und essen dabei Reis mit Gemüse (und Hähnchenschenkeln, wer will) und trinken einen heißen Tee. Um sieben Uhr liege ich frierend neben meiner Australierin im Zelt. Wir unterhalten uns noch eine Stunde, bevor ich in einen unruhigen Schlaf sinke, der regelmäßig von der Kälte der Nacht unterbrochen wird. Ich frage mich, was ich noch anziehen könnte, habe aber bereits alles an, was ich habe. Ich überlege, ob es wohl meine Füße wärmt, wenn ich meine Handschuhe über die Socken ziehe, entschließe mich dann aber doch dagegen. Ein Toilettengang, den ich trotz der Kälte nach stundenlangem Überlegen wagen möchte, scheitert am kaputten Reißverschluss unseres Zeltes. So harre ich bis zur Aufstehzeit um sechs Uhr morgens aus.

 

Tag 3: Der Abstieg – 2.000 Höhenmeter nach unten

 

Bevor es nach unten geht, steigen wir erst mal wieder nach oben, um zum Sonnenaufgang den Blick über den Kratersee zu genießen. Dann geht es aber bergab. Und bergab. Und bergab. Und weiter bergab. Erst recht steil und rutschig über Felsen und rote Erde. Wieder bewundere ich die Träger, die die nun nicht mehr ganz so schweren Körbe auf ihren Schultern balancieren und in ihren Flipflops sicheren Trittes an uns vorbeiziehen.

 

Dann erreichen wir den Regenwald und ab hier wird es immer einfacher. Der Regenwald ist sehr schön, dicht bewachsen mit Farn, verschiedenen Baumarten und gelegentlich auch Bambus. Immer wieder sehen wir Affen und auch wilde Hunde lungern an den Lagerstätten herum. Meine Knie machen den Spaß mit und so finde ich den Abstieg im Schatten trotz Muskelkater recht angenehm. Wir bekommen noch einmal Mittagessen serviert kurz bevor wir durch das offizielle Eingangstor des Wanderwegs marschieren und uns dort wieder aus dem Register austragen.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle, wo wir von erneut von einem Pick-Up-Truck aufgesammelt werden, der uns die wenigen Kilometer bis zum Lagerraum unseres Gepäcks bringt. Jetzt ist Hektik angesagt, wir verabschieden uns von unserem Guide und den Portern und ich gebe jedem etwas Trinkgeld. Leider haben wir es in unserer Gruppe nicht geschafft, gemeinsam Geld zu sammeln und zu übergeben. Manche von uns haben kaum mehr Bargeld übrig (auf dem Berg kann man immer wieder Kekse und Softdrinks und gelegentlich auch ein Bier kaufen), andere, habe ich das Gefühl, geben gar kein Trinkgeld. Ich gebe ein gutes halbes Tagesbudget, davon die die Hälfte an den Führer und die andere an die vier Guides. Viel ist es nicht. Ich befürchte, dass ich trotzdem mit am meisten gegeben habe.

Nun beginnt der nächste Teil des Abenteuers. Wir haben alle unterschiedliche Destinationen, werden aber zunächst im selben Shuttle-Taxi nach Bangsal gebracht. Der Finne und der Kantonese verabschieden sich hier, um die Fähre zu den Gili Islands zu nehmen. Ich bin neidisch, denn etwas Inselentspannung würde ich jetzt auch vertragen, muss aber in die Hauptstadt Mataram, um dort morgen mein Visum zu verlängern. Der Rest von uns fährt weiter Richtung Süden, was den Taxifahrer wenig glücklich stimmt. Er scheint etwas missmutig zu sein, dass er uns alle an der Backe hat – vor allem die drei Jungs, die noch weiter bis Kuta Lombok wollen.

Vor Sengiggi beginnt der Stau, denn dort fand ein großes Fest zum Ramadanende statt und zahlreiche Familien sind auf ihren Rollern und in ihren Autos auf dem Rückweg nach Mataram. Wir verabschieden die Australierin hier und wenn ich vorher dachte, dass wir Stau hatten, so werde ich nun eines besseren belehrt, denn nun geht es erst richtig los. Bzw. genauer gesagt: Jetzt geht erst richtig gar nichts mehr. Wir bewegen uns im Schneckentempo voran. Ich schaue auf Google Maps, wie weit es noch nach Mataram ist. Der blaue Punkt, der unsere Position anzeigt, bewegt sich gar nicht mehr vorwärts.

 

Irgendwann geht unser Motor aus. Die Polizei, die hier überall auf der Straße steht, schiebt uns an die Seite. Wir füllen Kühlwasser nach, mehrere Männer beugen sich über unsere geöffnete Motorhaube, irgendwann springt der Motor wieder an. Wir fahren ein paar Meter, dann beginnt das Spiel von vorne. Dieses Mal schiebe ich das Auto zusammen mit einem der Holländer von der Straße. Nach dem dritten Mal geben wir auf. Meine drei Mitwanderer, die noch dabei sind, die beiden Holländer und der Deutsche, vermuten, dass der Vorfall vorgetäuscht war, weil der Fahrer keine Lust mehr hatte. Sie hätten alle drei noch bis Kuta Lombok weiterfahren wollen, eine weitere gut einstündige Fahrt von Mataram aus – bei normalen Verkehr.

Der eine Holländer versucht vergebens zu hitchhiken. Ich denke erst, ich habe einen lokalen Minibus gefunden, der nach Mataram fährt, aber das stimmt nicht. Relativ schnell finden wir uns alle vier doch wieder zusammen am Straßenrand vor und stampfen Richtung Mataram, während die Sonne untergeht. Wir haben Glück und finden dann nach einigen Minuten doch ein Taxi, das uns die zehn Kilometer nach Mataram mitnimmt, wenn auch zum fast dreifachen üblichen Preis. Ich werde vor meinem Hotel abgesetzt und bin dankbar, endlich angekommen zu sein. Viel Zeit zum Ausruhen habe ich nicht, denn mein Visumsantrag für morgen will vorbereitet werden – aber diese Prozedur werde ich in einem weiteren Artikel beschreiben.

Wenn dich meine Beschreibung nicht abgeschreckt hat und du nun selbst gerne den Rinjani erklimmen willst, lies dir meine Tipps und Tricks zur Besteigung des Vulkans durch:

 

 

There is 1 comment so far

Leave a Comment

Keine Sorge. Ich schicke keinen Spam.

Don't worry. We never use your email for spam.

*